Archive for Oktober 2006

Als die Schweiz genug bekam

Montag, 30. Oktober 2006

Fröhlich glitten die Shuttles der Pariser Metro durch das unterirdische Tunnellabyrinth. Ausser dem Zischen der Luft, durch die sie schnitten, war kein Geräusch zu hören. Das stimmte eigentlich gar nicht. Eine Stimme bestimmte die Schallwellenwelt – Eine sanfte Frauenstimme: „Madeleine“. Dem neugierigen Beobachter hätten sich die eintönigen Botschaften der Frau erschließen können. Mit stoischer Gelassenheit und unendlicher Geduld wiederholte sie immer wieder die selben Worte – gleichzeitig und überall. Doch er war ja nicht da. „Châtelet“ Stumm hingen die Displays an der Wand, die ansonsten den Besucher mit Namen begrüßt hätten, und ihm die neuesten Entwicklungen der X-Technology angeboten hätte. Das Licht war aber an. Ein Newsdis hingegen verkündete, dass die Schweizer wohl an Allem Schuld seien. Doch hier muss ich kurz einhaken. Nachdem die Menschheit es endlich geschafft hatte, ihre Religionsstreitigkeiten hinter sich zu lassen und die darauf folgenden sozialen Konflikte zwischen den reichen und den armen Ländern der Erde beigelegt waren, standen die Schweizer vor einem Problem. Sie hatten sich nämlich mehr und mehr auf die Geschäfte mit dem Geld und dem Kapital spezialisiert, und da die Beilegung des Arm-Reich Konflikts beinhaltete, dass nun alle Länder gleichen Wohlstand hatten, wurden sie nicht mehr benötigt. Der Reichtum, der sich aus der Kooperation (die letztlich in der Erd-Allianz ihr Ziel fand, oder vielmehr gefunden hätte) ergab, dass Niemand seinen Besitz mehr schützen musste, da sowieso Jeder genug hatte. Die Einzigen, die nicht genug hatten, das waren die arbeitsfreudigen Schweizer. Einsam lagen die Nummernkonten brach und die Schweizer, die jegliche Produktion outgesourced hatten, ja sogar Teile der Kapitalverwaltung, saßen in ihren unzugänglichen Bergen und drehten Däumchen. Sie wollten die Internationale Vereinte Staatengemeinschaft (kurz: I.V.S.), die damals in Verhandlungen für die Verfassung der Erd-Allianz war, auf sich aufmerksam machen. Zu diesem Zeitpunkt etwa erreichte die dritte Welle von Kolonisateuren Alpha Centauri, aber das nur am Rande – 14 Jahre brauchten sie, um den nächsten Klasse M Planeten zu erreichen! Was ich damit sagen will, sowohl die Medien, als auch der zweite Ansprechpartner, waren einfach zu beschäftigt, um sich mit dem kleinen Bergstaat zu beschäftigen. Herr Peter Ziege, der für die Schweiz einen halben Sitz im Rat der I.V.S. einnahm und den treffenden Spitznamen Ziegenpeter trug, war ein notorischer Nörgler. Als er nun am Tag der Ankunft der Siedler auf Alpha Centauri im Rat seine Nörgeleien begann, begann eine Gegenreaktion, die man landläufig auch als Mobbing bezeichnet. Die Ratsmitglieder von Groß Italien, der Chinesischen Bundesrepublik und dem Freien Arabien ließen kein gutes Haar an seiner Rede und warfen ihm seine ewige Miesmacherei vor. Als dann auch noch der Repräsentant von Österreich (der zusätzlich einen ganzen Sitz hatte) damit begann seinen Dialekt nachzuahmen, hatte der Ziegenpeter genug, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und verschränkte beleidigt die Arme. An diesem Tag schwor er sich, dass er den Rat der I.V.S. von nun an mit Nichtachtung strafen würden. Als besonders effizient konnte man diese Strafmaßnahme eher nicht bezeichnen, da das in dem ganzen Trubel überhaupt nicht auffiel, und wenn doch einmal jemandes Augenmerk auf den stillen Ziegenpeter in seinem Sessel fiel, so war er eigentlich nur froh, dass dieser die Klappe hielt. Er sollte das letzte Mitglied der Schweiz im Rat der I.V.S. sein, was besonders tragisch ist, da die Mitglieder auf Lebenszeit gewählt werden. In jedem Fall hatte die Schweiz ein Problem. Ihr Kontakt zur Aussenwelt war quasi unterbrochen. Ihr Einfluss auf die Weltpolitik gebrochen. Also beauftragten sie ihre besten Experten (für den Bereich Kapitalmanagement, internationales Investment und Trade Surveillance) mit einer Expertise. Diese stiessen auf eine während den Religionsstreitigkeiten zu Beginn der Hyperalisation in der Periode der so genannten Globalisierung oft genutzte Methode. Dabei ging es darum, ein möglichst großes Blutbad zu veranstalten, um irgendwie Aufmerksamkeit zu erreichen. Tragischerweise hatte die Schweiz seit der Auflösung des Vatikanstaats aber ihre Truppen aufgelöst und nur noch Sicherheitspersonal aus Groß Britannien/Germania und dem Staat Amerika eingestellt. Selbstverständlich wurden diese sämtlich entlassen, da sie bei diesem Plan im Wege gewesen wären. Das tragische Detail allerdings ist, dass die Schweizer nicht wussten, was anzustellen sei. Das wenige Wissen, das sie hatten, waren die uralten Aufzeichnung eines Herstellers für Schnittwerkzeuge namens Victorinox. Und mit Taschenmessern, die noch nicht einmal mit einer Vibroklinge bestückt waren konnte man nun wirklich kein Blutbad anrichten. Man entschied sich also für eine Bombe. Und da man Wasserstoff im Zürcher See zur genüge zur Verfügung hatte baute man diese also. Beziehungsweise… Also gebaut wurde sie. Blöderweise ging sie hoch bevor man sie woanders hin bringen konnte. Das erste Opfer der Bombe wurde sein Konstrukteur, der es für ein nettes Detail hielt, die Bombe so zu bauen, dass das verbrannte Feld um den Krater herum die Form der früheren Schweizer Grenze annehmen würde. Von heute auf morgen wurde die Schweiz sozusagen ausradiert, und Niemand wusste wieso. Zurück zum Ziegenpeter. Dieser war selbstverständlich nicht in die Pläne eingeweiht, da er doch auch so die Interessen der Schweiz äußerst schlecht vertreten hatte, und man ihm nicht trauen konnte. In seinem Sitz in Brüssel im Rat der V.I.S. hatte er die Explosion überlebt und beschuldigte nun die Österreicher, Groß-Italien und die Bundesrepublik China, dass sie die Schweiz ausgelöscht hatten. Gleichzeitig wurde die atomare Explosion von den Sensoren eines redundanten Waffensystems aus der Zeit des Arm-Reich Konflikts registriert, die durch einen Programmfehler begann ihre Sprengköpfe nach Großitalien zu schicken. So begann dass, was man gut und gern als Armageddon bezeichnen könnte, und letztlich blieb niemand mehr übrig, der erzählen könnte was genau passiert ist. Die automatisierten Systeme auf der Erde, die mit Solarenergie betrieben wurden und mit einem doppelten Wartungssystem gekoppelt sind laufen mittlerweile seit 1000 Jahren sinnlos vor sich hin. „Pigalle“. Das einzige was sie gesehen haben sind die Sonden, die die Daten erhoben haben, aus denen sich diese Geschichte ergibt.

 

— Ende —

 

präsentiert von Tanker Inc.

Alpha Centauris erster Adresse,

wenn es um Öl geht.

Wo hamstert der Goldhamster eigentlich sein Gold?

Sonntag, 22. Oktober 2006

 

Es war einmal ein Hamster, der war sehr unglücklich. Alle Tiere, die er kannte, hatten ein schöneres Fell als er. Der Hase hatte ein Fell, so weiß wie Schnee, und das vom Fuchs schimmerte Rot im Licht der Sonne. Nur das Fell vom Hamster war Braun.

Als es Winter wurde, gingen dem Hasen recht bald die Vorräte aus, und da er wusste, dass der Hamster im Sommer fleißig gehamstert hatte ging er zum Hamster und sagte: „Du, Hamster, ich war den ganzen Sommer damit beschäftigt mein Fell zu putzen, so dass ich jetzt nichts mehr zu Essen habe. Kann ich diesen Winter bei dir bleiben?“ Hilfsbereit wie der Hamster nunmal war sagte er: „ Na gut, aber falls uns die Vorräte ausgehen kümmern wir uns zusammen um Nachschub.“ Und so blieb der Hase beim Hamster.

Ähnlich wie dem Hasen erging es dem Fuchs. Auch ihm gingen die Vorräte recht bald aus und da auch er wusste, dass der Hamster im Sommer fleißig gehamstert hatte, fand er sich ebenfalls bei dem Hamster ein und sagte: „Du, Hamster, Ich war den ganzen Sommer damit beschäftigt mein Fell zu Putzen, so dass ich jetzt nichts mehr zu Essen habe. Kann ich diesen Winter bei dir bleiben?“ Der Hamster überlegte kurz und sagte dann: „Nun, es ist zwar schon der Hase da, aber wenn wir uns alles gut einteilen, reicht das bestimmt auch für drei.“

Und so verbrachten der Hamster, der Hase und der Fuchs den Winter zusammen. Sie hatten zwar kein Festmahl, aber sie vertrieben sich gegenseitig die Zeit und spielten viel miteinander, so dass ihnen gar nicht auffiel, dass sie weniger als normalerweise assen.

Eines Tages, es regnete gerade, brach die erste Frühlingssonne durch die Wolkendecke. Und als der halbe Himmel blau war, strahlte ein Regenbogen von Ost nach West. „Schnell!“ Sprach der Fuchs, „ Am Ende des Regenbogens ist ein Kobold und der hat einen Topf mit Gold!“ und rannte los. Der Hase rief noch: „Schnell Hamster, bevor es zu spät ist!“ und rannte ebenfalls davon. Der Hamster versuchte noch ihnen hinterher zu rennen, aber seine Beine waren nicht so lang wie die vom Fuchs, und seine Sprünge konnten es nicht mit denen des Hasens aufnehmen, und bald waren Hase und Fuchs ausser Sicht. Traurig drehte der Hamster um und ging nach Hause.

Der Hase und der Fuchs allerdings waren schnell am Ende des Regenbogens angekommen, und tatsächlich stand da ein Topf mit Gold. Vor dem Topf stand allerdings ein kleiner Kobold, der sagte: „Halt! Wenn ihr den Topf wollt müsst ihr erst drei Rätsel lösen.“ Und der Hase sagte: „Komm Fuchs, du bist doch schlau, das machst du doch mit links!“ Und der Fuchs stimmte zu. Da sprach der Kobold:

 

 

Ganz voll ist mein Speicher,

Und trüb ist mein Fell,

Wer ich bin will ich wissen,

Und wünscht mein Fell wär‘ hell.

 

Der Fuchs überlegte kurz und sagte dann: „Ganz klarer Fall! Das ist der Hamster.“ Da ärgerte sich der Kobold und sagte: „Richtig, aber das nächste Rätsel findest du nicht raus.“ Und der Hase sagte: „Doch doch Fuchs, du bist so schlau, du schaffst auch die anderen beiden noch.“ Und der Fuchs stimmte zu. Da sprach der Kobold:

 

Ich brauch den Regen

Und ich brauch die Sonn,

Dann Strahl ich euch entgegen

Und bring bunte Wonn.

Der Fuchs überlegte kurz und sagte dann: „Das ist der Regenbogen!“ Da ärgerte sich der Kobold wieder und schimpfte fürchterlich: „Das hast du vielleicht grad noch geschafft, aber das letzte Rätsel, das findest du bestimmt nicht raus!“ Und der Hase sagte: „Doch doch, bestimmt du hast jetzt schon zwei rausbekommen, wieso sollte das beim Dritten anders sein?“ Und der Fuchs stimmte ihm zu. Da sprach der Kobold:

 

Aus Not geboren

Bin ich keine Person,

Man kann mich nicht kaufen,

Bin freiwilliger Lohn.

 

 

Mit mir geht’s leichter,

Ohne mich kaum,

Für viele, bin ich

Ein Wintertraum.

 

Der Fuchs überlegte kurz und sagte… nichts. Er grübelte und grübelte und fand keine Lösung. Da freute sich der Kobold und sprang vor Freude in die Luft, schlug Purzelbäume und lachte so laut er nur konnte. Der Hase ging zu dem Fuchs und legte ihm seine Pfote um die Schulter und sagte: „Ist ja nicht so schlimm! Eigentlich brauchen wir ja keinen Topf voller Gold, solang wir Freunde sind.“ Da schlug sich der Fuchs mit der flachen Tatze auf die Stirn und rief: „Natürlich, wie konnte ich das übersehen, das ist es! Freundschaft! Hey du, Kobold, es ist Freundschaft!“ Der Kobold hörte mitten in der Luft auf sich rumzudrehen und fiel zu Boden. Er schrie auf und jammerte bitterlich und rannte, ohne den Topf mit dem Gold mitzunehmen den Regenbogen hinauf, bis er nicht mehr zu sehen war. Der Hase und der Fuchs aber tanzten um den Topf herum. Als sie genug getanzt hatten überlegten sie sich was sie mit dem Gold machen sollten. Und da hatte der Hase eine gute Idee…

Gelangweilt und unglücklich saß der Hamster an dem Tisch, an dem er früher zusammen mit dem Hasen und dem Fuchs gespielt hatte und erinnerte sich an all den Spaß, den sie zusammen gehabt hatten. Da klopfte es an der Tür. „Herein!“ rief der Hamster. Und herein kamen: Der Hase und der Fuchs. Sie zogen einen Topf voll mit Gold hinter sich her. Der Hase rannte ganz schnell in die Küche und holte eine Raspel. Dann stellte er sich auf den Tisch und rieb Goldstück für Goldstück so, dass der Goldstaub sich im Fell des Goldhamsters verfing. Und da ist es bis heute geblieben.

 

Wenn man rot sieht

Sonntag, 15. Oktober 2006

Er hatte Sartre gelesen. Der Ekel. Er verstand wie es gemeint war. Er verstand die Vorgänge die beschrieben wurden, aber er hatte ein anderes Problem. Er war auf dem Weg zum Meeting mit dem Vorstand und schob die trüb-fremden Gedanken beiseite. Seine Gedanken mussten auf das kommende Gespräch gerichtet sein. Fehler durften ihm keine passieren, wenn die Übernahme der Firma gelingen sollte. Beinahe hätte er die ältere Dame umgerannt, die seinen Weg kreuzte. Er wich ihr gerade so aus. Ungerechterweise stieß er einen Fluch in ihre Richtung aus. Sekunden später schämte er sich dafür und er hätte sich entschuldigt, wäre er nicht schon um die nächste Ecke gewesen.

Das Gespräch war mittelmäßig verlaufen, aber er hatte seine Primärziele erreicht. Er saß zuhause und wollte eigentlich lesen, doch das Gespräch lastete immer noch auf seinem Kopf. Die Nachrichten hatten ihn auch nicht beruhigen können. Die brennenden Autos in Paris ließen die Anschläge in Bagdad näher erscheinen als sie waren. Seine normale Taktik, sich zu sagen, dass es ihm ja gut gehe, im Vergleich zu den armen Schweinen die ihm medial serviert wurden, konnte ihm an diesem Tag nicht helfen. Entnervt klappte er das Buch zu. Er fühlte sich an die Zeit erinnert als er Caesars De Bello Gallico lesen musste. Nichts war hängen geblieben. Um sich abzulenken, beschloss er, die Stadt unsicher zu machen. In der dritten Bar fand er endlich jemanden, der etwas hatte, um ihm seine Entschlossenheit wieder zu geben.

Als er den Club verliess, war er auf dem Gipfel der Selbstsicherheit angelangt. Er hatte keine andere Wahl als diesen bedroht zu sehen, als sein Weg von einigen Punks gekreuzt wurde, die scheinbar auf einer Demo gewesen waren. Mit Beleidigungen fing es an. Zu seinem Glück öffnete sich hinter ihm die Tür und mehrere seiner Freunde aus der Szene stellten sich neben ihn. Eine gute Gelegenheit ihnen seine Eloquenz zu demonstrieren. Zwischen den ganzen Ausdrücken und Beschimpfungen fand er Verknüpfungen, die nicht wirklich dazu dienten, für eine entspannte Atmosphäre zu sorgen.

Als er Sirenen hörte, liess er davon ab, das Gesicht zu Brei zu schlagen, dessen Kragen er in der anderen Faust hielt, und nahm die Beine in die Hand.

Ein paar Tage später, er machte gerade die Besorgungen, die man zum Überleben braucht, stand er an der Supermarktkasse. Ihm gegenüber, im Overall des Corporate Design der multinationalen Lebensmittelhandelskette steckte ein Gesicht, das er irgendwo schon einmal gesehen hatte. „Zahlen sie Bar oder mit Karte?“ Da hat er einen Lichtblick, und er erinnert sich daran, dass das die wimmernde Stimme gewesen war, die ihn eines Nachts wimmernd angefleht hatte, von ihm abzulassen. Voller Panik läßt er alles grad so stehen und liegen und rennt fluchtartig durch die zum Glück offenen Glastüren des Supermarktes. Ein kleines Kind steht in seinem Weg, doch er rennt einen großen Bogen um die neugierigen Kinderaugen und bleibt nicht stehen, bis er vor der Tür des Hauses angekommen ist, indem sich seine Wohnung befindet. Hastig kramt er den Schlüssel aus seiner Tasche und braucht mit seinen zittrigen Händen drei Versuche, bis er die Türe endlich aufhat. Genauso ergeht es ihm an seiner Wohnungstür, doch als diese endlich hinter ihm zu schlägt und er kurz vor dem Kreislaufzusammenbruch im Flur vor seinem Bücherregal zusammenbricht, bleibt die erwartete Erlösung aus. Vor den Tagebüchern Napoleons, der Biographie Williams des Eroberers und zahlreichen Reiseberichten des britischen Imperialzeitalters aus Indien, China, Afrika und sogar Amerika, bricht der Stratege des größten Spielzeugherstellers der Welt in Tränen aus und weint, wie ein kleines Kind. Und da packt es ihn. Aber anders. Er empfindet keinen Ekel. Aus der Spitze des antiken römischen Schwertes, dass zur Zierde über der Kommode hängt, kämpft sich langsam ein roter Tropfen. Er steht auf, um sich das genauer anzusehen; geht näher hin. Er sieht den Tropfen in Zeitlupe sich von der Spitze des Schwertes lösen und auf der Kommode aus Tropenholz einschlagen. Der nächste Tropfen lässt nicht lange auf sich warten. Hinter sich hört er das leise Geräusch eines tropfenden Wasserhahns. Zu Dekozwecken steht dort ein Mickey-Mouse Telephon, von deren Mickey-Mouse Knubbelnase sich ebenfalls ein roter Tropfen löst, doch Mickeys Miene bleibt unbewegt. Ihm ist kalt. Er geht in die Küche und will dort die Heizung aufdrehen, doch als er sieht, dass sich aus dem Scharnier des Drehknopfes ebenfalls rote Tropfen herauspressen lässt er den Gedanken fallen. Er will das alles hinter sich lassen und geht in sein Schlafzimmer, doch dort haben die Gegenstände auch bereits begonnen flüssiges Rot abzusondern. Wohin er auch flüchtet, der Horror ist schon da. Überall tropft und trieft es, sogar einzelne Poren der Tapete schwitzen rote Substanz aus. Sein Herz rast, und umso schneller es schlägt, desto schneller fallen die Tropfen. Aus den Tropfen werden bald Rinnsale, aus den Rinnsalen Ströme, die sich auf dem Fussboden in einem Teich vereinigen. Er watet in Richtung seines Bettes, er weiss, er kann das nicht mehr lange ertragen und will auf einer hohen Fläche landen, des Ertrinkens wegen – überall war rot; Die Wände eine rote Fläche, über die der Horror fließt, um sich dann immer wieder aufs neue in den See zu ergiessen. Die einzige Ausnahme bildet das Porträt, das an der Wand hängt. Der Rahmen ist die Grenze der Insel, auf der sein Blick sich ausruhen kann. Seine Augen finden die der jungen Frau. Er beruhigt sich ein wenig. Das Glänzen in ihren Augen war ihm bisher noch nie aufgefallen. Sie war sehr hübsch. Der Glanz in ihren Augen nahm immer mehr zu, und je mehr er zunahm, je klarer wurde ihm, das auch sie sich rot färben würden. Da läuft das erste dünne Rinnsal von ihren Augen hinunter. In diesem Moment stellt er fest, dass die klebrige Masse ihm mittlerweile bis zu den Knien steht. Seine Kleidung beginnt ebenfalls, sich gegen ihn zu stellen, er reisst sie sich vom Leib. Er will um Hilfe rufen, doch gleichzeitig weiss er, dass er tausende Kilometer reisen müsste, um jemanden zu finden, von dem er bereit wäre Hilfe anzunehmen. Der Pegel steigt weiter und die wabernde Oberfläche klettert immer höher, mit jedem Moment, der vergeht, steigt sie schneller, er kann seine Beine schon nicht mehr bewegen. Jetzt muss er die Arme heben, damit die Hände nicht mit dem roten Zeug in Berührung kommen. Irgendwo hupt ein Auto, als ihm die Rote Melasse bis zum Kinn steht – Panik; er verliert das Bewusstsein und fällt.

Als er aufwachte, rieb er sich seinen schmerzenden Kopf. Alles war wieder so, wie es sein sollte. Darüber hinaus hatte er Glück gehabt. Wäre er nur wenige Zentimeter weiter rechts gefallen, wäre sein Kopf an der Kante der ägyptischen Marmorplatte seines Nachttisches aufgeschlagen, auf dem noch immer der Ekel lag.

 

 

 

Die Hure und die Bar

Donnerstag, 12. Oktober 2006

Draußen war Frühling und es regnete. Drinnen stand sie, mit der Stirn gegen den abgenutzten Pfeiler der Bar, mehr schwankend als stehend, gelehnt und nuschelte: „Ich hass den Puff, ich hass den…!“ Sie hatten beide viel mitgemacht. Sie und die Bar. Die Brandflecken auf der klebrigen Oberfläche der Theke waren im dumpfen Licht des etwas veralteten Etablissements schwer auszumachen. Aber es war möglich. Als die Wirtin ihr einen ausgab, hätte man bemerken können, dass ein Tropfen auf ihr perlte. Die Tür öffnete sich. Drei Typen kamen grölend, lachend und lallend herein. „Habt ihr auch Maßkrüge?“ brüllte einer von ihnen in Richtung Bar. Alle drei stellten sich an dieselbige. Die Wirtin verneinte und schenkte ihnen im Anschluss drei Halbliterkrüge aus. Wuchtig stießen sie an, während das Wimmern am Pfeiler der Bar verstärkt wurde. Das Bier schwappte dabei aus den Krügen in die anderen, auf die Bar und auf den Boden. Ihre klatschnassen Jacken hatten sie nicht ausgezogen. Sie ließen die Krüge auf die Theke niederfahren als wären es Thors Donnerkeile. Das verschüttete Bier spritzte zu allen Seiten weg. Die Wirtin hatte sich mittlerweile zu ihr gesellt und sie in den Arm genommen. Doch auch das Trösten konnte an der Lautstärke nichts ändern. Als sie das Präsent der Wirtin zu sich nehmen wollte, machte ihr das Schlucken Schwierigkeiten. Voller Macht orderte einer der drei noch eine Runde. Wieder spritzte das Bier in alle Richtungen. Die Theke war ein See. Einer hatte einen Witz gemacht. Er war nicht witzig. Ein Anderer schlug mit der geballten Faust auf die Theke ein; seine Art zu lachen. Am anderen Ende der Bar verlor sie zwischendurch die Kontrolle über ihre Beine und setzte sich mehr oder weniger freiwillig auf den Boden. Die Drei eroberten sich den Rest der Bar und besetzten ihn mit ihrer Bierlache. Eine halbe Stunde später, saß sie ebenfalls in ihr.

Aperitif

Mittwoch, 11. Oktober 2006

Bevor es losgeht – Zwar ohne Geschichte, dafür kurz:


Wie geistreich

Du bist reich an Geistern

Und geisterst mit ihnen durch dein Reich.

Bereicherst dich am Geiste deiner Mitgeister,

Begeisterst dich am Reichtum deines Reiches,

Doch reicht der Reichtum deines Geistes nicht aus,

Den geistreichen Geistern ein Reich abzugeistern.

Da geisterst du lieber noch ein

Bisschen durch dein Reich.

Für kostenlose Zungengymnastik Telephon nehmen und Nummer des Intimfeinds wählen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie etc.

Unter Bearbeitung

Dienstag, 10. Oktober 2006

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