Wenn man rot sieht

Er hatte Sartre gelesen. Der Ekel. Er verstand wie es gemeint war. Er verstand die Vorgänge die beschrieben wurden, aber er hatte ein anderes Problem. Er war auf dem Weg zum Meeting mit dem Vorstand und schob die trüb-fremden Gedanken beiseite. Seine Gedanken mussten auf das kommende Gespräch gerichtet sein. Fehler durften ihm keine passieren, wenn die Übernahme der Firma gelingen sollte. Beinahe hätte er die ältere Dame umgerannt, die seinen Weg kreuzte. Er wich ihr gerade so aus. Ungerechterweise stieß er einen Fluch in ihre Richtung aus. Sekunden später schämte er sich dafür und er hätte sich entschuldigt, wäre er nicht schon um die nächste Ecke gewesen.

Das Gespräch war mittelmäßig verlaufen, aber er hatte seine Primärziele erreicht. Er saß zuhause und wollte eigentlich lesen, doch das Gespräch lastete immer noch auf seinem Kopf. Die Nachrichten hatten ihn auch nicht beruhigen können. Die brennenden Autos in Paris ließen die Anschläge in Bagdad näher erscheinen als sie waren. Seine normale Taktik, sich zu sagen, dass es ihm ja gut gehe, im Vergleich zu den armen Schweinen die ihm medial serviert wurden, konnte ihm an diesem Tag nicht helfen. Entnervt klappte er das Buch zu. Er fühlte sich an die Zeit erinnert als er Caesars De Bello Gallico lesen musste. Nichts war hängen geblieben. Um sich abzulenken, beschloss er, die Stadt unsicher zu machen. In der dritten Bar fand er endlich jemanden, der etwas hatte, um ihm seine Entschlossenheit wieder zu geben.

Als er den Club verliess, war er auf dem Gipfel der Selbstsicherheit angelangt. Er hatte keine andere Wahl als diesen bedroht zu sehen, als sein Weg von einigen Punks gekreuzt wurde, die scheinbar auf einer Demo gewesen waren. Mit Beleidigungen fing es an. Zu seinem Glück öffnete sich hinter ihm die Tür und mehrere seiner Freunde aus der Szene stellten sich neben ihn. Eine gute Gelegenheit ihnen seine Eloquenz zu demonstrieren. Zwischen den ganzen Ausdrücken und Beschimpfungen fand er Verknüpfungen, die nicht wirklich dazu dienten, für eine entspannte Atmosphäre zu sorgen.

Als er Sirenen hörte, liess er davon ab, das Gesicht zu Brei zu schlagen, dessen Kragen er in der anderen Faust hielt, und nahm die Beine in die Hand.

Ein paar Tage später, er machte gerade die Besorgungen, die man zum Überleben braucht, stand er an der Supermarktkasse. Ihm gegenüber, im Overall des Corporate Design der multinationalen Lebensmittelhandelskette steckte ein Gesicht, das er irgendwo schon einmal gesehen hatte. „Zahlen sie Bar oder mit Karte?“ Da hat er einen Lichtblick, und er erinnert sich daran, dass das die wimmernde Stimme gewesen war, die ihn eines Nachts wimmernd angefleht hatte, von ihm abzulassen. Voller Panik läßt er alles grad so stehen und liegen und rennt fluchtartig durch die zum Glück offenen Glastüren des Supermarktes. Ein kleines Kind steht in seinem Weg, doch er rennt einen großen Bogen um die neugierigen Kinderaugen und bleibt nicht stehen, bis er vor der Tür des Hauses angekommen ist, indem sich seine Wohnung befindet. Hastig kramt er den Schlüssel aus seiner Tasche und braucht mit seinen zittrigen Händen drei Versuche, bis er die Türe endlich aufhat. Genauso ergeht es ihm an seiner Wohnungstür, doch als diese endlich hinter ihm zu schlägt und er kurz vor dem Kreislaufzusammenbruch im Flur vor seinem Bücherregal zusammenbricht, bleibt die erwartete Erlösung aus. Vor den Tagebüchern Napoleons, der Biographie Williams des Eroberers und zahlreichen Reiseberichten des britischen Imperialzeitalters aus Indien, China, Afrika und sogar Amerika, bricht der Stratege des größten Spielzeugherstellers der Welt in Tränen aus und weint, wie ein kleines Kind. Und da packt es ihn. Aber anders. Er empfindet keinen Ekel. Aus der Spitze des antiken römischen Schwertes, dass zur Zierde über der Kommode hängt, kämpft sich langsam ein roter Tropfen. Er steht auf, um sich das genauer anzusehen; geht näher hin. Er sieht den Tropfen in Zeitlupe sich von der Spitze des Schwertes lösen und auf der Kommode aus Tropenholz einschlagen. Der nächste Tropfen lässt nicht lange auf sich warten. Hinter sich hört er das leise Geräusch eines tropfenden Wasserhahns. Zu Dekozwecken steht dort ein Mickey-Mouse Telephon, von deren Mickey-Mouse Knubbelnase sich ebenfalls ein roter Tropfen löst, doch Mickeys Miene bleibt unbewegt. Ihm ist kalt. Er geht in die Küche und will dort die Heizung aufdrehen, doch als er sieht, dass sich aus dem Scharnier des Drehknopfes ebenfalls rote Tropfen herauspressen lässt er den Gedanken fallen. Er will das alles hinter sich lassen und geht in sein Schlafzimmer, doch dort haben die Gegenstände auch bereits begonnen flüssiges Rot abzusondern. Wohin er auch flüchtet, der Horror ist schon da. Überall tropft und trieft es, sogar einzelne Poren der Tapete schwitzen rote Substanz aus. Sein Herz rast, und umso schneller es schlägt, desto schneller fallen die Tropfen. Aus den Tropfen werden bald Rinnsale, aus den Rinnsalen Ströme, die sich auf dem Fussboden in einem Teich vereinigen. Er watet in Richtung seines Bettes, er weiss, er kann das nicht mehr lange ertragen und will auf einer hohen Fläche landen, des Ertrinkens wegen – überall war rot; Die Wände eine rote Fläche, über die der Horror fließt, um sich dann immer wieder aufs neue in den See zu ergiessen. Die einzige Ausnahme bildet das Porträt, das an der Wand hängt. Der Rahmen ist die Grenze der Insel, auf der sein Blick sich ausruhen kann. Seine Augen finden die der jungen Frau. Er beruhigt sich ein wenig. Das Glänzen in ihren Augen war ihm bisher noch nie aufgefallen. Sie war sehr hübsch. Der Glanz in ihren Augen nahm immer mehr zu, und je mehr er zunahm, je klarer wurde ihm, das auch sie sich rot färben würden. Da läuft das erste dünne Rinnsal von ihren Augen hinunter. In diesem Moment stellt er fest, dass die klebrige Masse ihm mittlerweile bis zu den Knien steht. Seine Kleidung beginnt ebenfalls, sich gegen ihn zu stellen, er reisst sie sich vom Leib. Er will um Hilfe rufen, doch gleichzeitig weiss er, dass er tausende Kilometer reisen müsste, um jemanden zu finden, von dem er bereit wäre Hilfe anzunehmen. Der Pegel steigt weiter und die wabernde Oberfläche klettert immer höher, mit jedem Moment, der vergeht, steigt sie schneller, er kann seine Beine schon nicht mehr bewegen. Jetzt muss er die Arme heben, damit die Hände nicht mit dem roten Zeug in Berührung kommen. Irgendwo hupt ein Auto, als ihm die Rote Melasse bis zum Kinn steht – Panik; er verliert das Bewusstsein und fällt.

Als er aufwachte, rieb er sich seinen schmerzenden Kopf. Alles war wieder so, wie es sein sollte. Darüber hinaus hatte er Glück gehabt. Wäre er nur wenige Zentimeter weiter rechts gefallen, wäre sein Kopf an der Kante der ägyptischen Marmorplatte seines Nachttisches aufgeschlagen, auf dem noch immer der Ekel lag.

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: