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Tod aus Paris

Montag, 4. Dezember 2006

Vielleicht hat ihn ja einfach nur die Größe überwältigt. Und Berge gabs dort ja auch nicht. Und wenn man dann mit der blauäugigen Vorstellung von Paris als der Stadt der Liebe dort eintrifft, dann muss das ja schief gehen. Vor allem wenn man bedenkt, dass sein Bild von Liebe immer noch an Shakespeares Romeo und Julia gehangen hat. Armer Trottel! Aber sich gleich umzubringen.

Ich kenne ihn eigentlich gar nicht. Ich bin nur derjenige, der ihn gefunden hat, ihn und sein Tagebuch. War kein schöner Anblick. Ich war früh morgens Joggen. Als ich die Autobahnbrücke sah, sah ich auch seinen Schatten hinunterfallen, es war noch dunkel. Ich beschleunigte meinen Schritt, und um Luft schnappend kam ich bei dem Klumpen Mensch an. Seine Arme und Beine knickten in völlig unmöglichen Winkeln, an völlig unmöglichen Stellen ab. Ein Ast von einem Baum, der im Weg gewesen war, hatte ihm einen Krater quer durch das Gesicht gerissen. Angesichts des zerstörten Körpers traute ich mich nicht, erste Hilfe anzuwenden. Er stöhnte auf. Es schien, als wollte er mir etwas sagen. Seine Hand bewegte sich kaum merklich. In der Verlängerung der Bewegung lag etwas auf dem Boden, der Mond spiegelte sich darin. Es war ein dünnes Büchlein, mit glänzendem, schwarzen Einband. Ich nahm es und wollte es ihm geben, da bemerkte ich, dass sich seine Lippen bewegten. Neben ihm kniend, legte ich mein Ohr fast auf seinen Mund, und er sagte zu mir: „Nimm es!“ und dann wieder „Nimm es! Nicht, dass sie…“ Leider kam er nicht mehr dazu, diesen Satz zu beenden. Als der Notarzt eintraf war es bereits zu spät. Das Büchlein behielt ich. Es war ein Tagebuch. Was ich immer noch nicht ganz verstehe ist, wieso er wollte, dass ich, ihm völlig Fremder, es haben sollte. Es stand eine ganze Menge darin; unter anderem wie sehr er Shakespeares Romeo und Julia schätzte, vor allem aber Eintragungen über eine Reise nach Paris und über seine Erlebnisse dort. Er muss dort sehr einsam gewesen sein. Seine Frau konnte ja nicht mit, da sie ihre Mutter pflegen musste.

Zu Anfang benahm er sich wie ein Tourist. Er aß auf den modernen Restaurantbooten, besuchte den Louvre und den Eiffelturm und nahm an einem Gottesdienst in der Kathedrale Notre Dame teil. Nur für ein paar Minuten, denn hinten drängten die nächsten Touristen nach. Da ihm erzählt worden war, dass vor dem Centre Pompidou Strenkünstler ihre Aufführungen abhielten und er das für interessant hielt, begab er sich dorthin. Zauberer, Karikaturenmaler und Musiker stellten ihre Kunst mehr oder weniger professionell zur Schau. Ein Gitarrenspieler, so um die 35, fiel ihm ins Auge. Seine Gitarre war das Sauberste was er bei sich hatte. Seine ausgewaschenen Klamotten waren an einigen Stellen fleckig und die Füße, die aus seinen Sandalen herausguckten, waren mit einem glänzenden Film überzogen. Man kann nicht leugnen, dass unser Brückenspringer sich in seinem Tagebuch über den Zustand des Musikers Sammelhuts lustig machte. Die Rede war von Angst vor Flöhen beim Geld hineinwerfen. Er setzte sich und hörte ihm zu und sah die Touristen vorbeilaufen. Manche blieben kurz stehen, einige Augenblicke später gingen sie wieder weiter und ein paar Tage später landeten sie wieder auf irgendeinem der unzähligen Flughäfen der ersten Welt. In dem Eintrag bedauert er dann auch noch wie anonym diese Verhältnisse sind. Ich wunderte mich ehrlich, dass er nicht auch noch anfing davon zu schreiben wie tragisch es ist, dass die Menschen grußlos aneinander vorbei gingen. Er kam eben vom Land.

Da seine Frau ihn nicht begleiten konnte, hatte sie ihm einen Einkaufszettel mitgegeben. Sie war wohl noch in Klischees des vorigen Jahrhunderts verstrickt, nach denen Paris die Stadt der Mode ist. Armer Kerl. Er entschied sich für Lafayette. Überwältigt von der Vielfältigkeit des Angebots und dem zur Schau gestellten Reichtum streifte er durch die Hallen. Hätte er sich für Architektur interessiert, hätte er die bemerkenswerte Jugendstilarchitektur sicherlich zu würdigen gewusst. Er kam eben vom Land. Als er das Kaufhaus verließ wurde er eines Bettlers gewahr, der neben dem Eingang kniete. Es war ein älterer Mann und er schien krank zu sein. Er zitterte am ganzen Körper und der Hut, den er von sich streckte, wackelte beträchtlich. Seine Zähne waren faulig und eines der Augen war milchig. Er war barfuß. Die Füße hatten kaum Stellen, an denen sie noch die Farbe von Haut besaßen. Er hatte Mitleid mit dem Mann, wegen den Tüten aber keine Hand frei, um ein paar Münzen in den zerknautschten Hut zu werfen. Er überlegte, ob sein Französisch ausreichend wäre, um einen Passanten um Hilfe zu bitten. Da sie aber sowieso im Eilschritt vorbei liefen, entschied er sich dagegen. Aus meiner Sicht muss ich sagen, dass ich sowieso nie etwas gebe. Die sind doch selber schuld und nur zu faul zum Arbeiten. Das konnte dieses Landei einfach nicht verstehen. Trotzdem tut er mir irgendwie Leid.

Da er schon mal in Paris war und das ohne seine Frau, entschied er sich, das Moulin Rouge zu besuchen. Doch was für mich ein Paradies gewesen wäre, war für ihn wohl eher abstossend und ekelerregend. Zumindest sind das die Worte, die er benutzt hat. Doch von Anfang an: Er wusste nicht genau, wo er aussteigen musste und stieg deswegen eine Station zu früh aus der Metro aus. In der Straße in der sich das Moulin Rouge befindet, gibt es mehrere ähnliche Etablissements. An diesen musste er vorbei, um zu seinem Ziel zu kommen. Diese haben heutzutage bekanntermaßen auch ihre Werbemaßnahmen. Männer in gediegenen Anzügen und Frauen in Hotpants sollen die Passanten in die Shows bringen. Womit er überhaupt nicht klar kam, war dass die Schlepper sogar so weit gingen, ihn am Arm festzuhalten. Zumindest die weiblichen. Klingt doch super, oder? Nicht für ihn. Die Dritte oder Vierte schrie er an, dass sie ihn loslassen und sich zum Teufel scheren solle. Ich versteh es echt nicht, schließlich hatte sie ihm eine kostenlose Probe versprochen. Das Ganze endete so, dass er statt das Moulin Rouge zu besuchen, die Metro nach Hause nahm. Er sah aber noch eine lange schwarze Limousine davor halten.

Das sollte nicht die einzige Limo bleiben, die er dort sah. Auf dem Weg zum Musée d’Art Moderne fuhr nochmal eine an ihm vorbei. Diesmal mit Polizeieskorte. Vorne zwei Motorräder und ein Wagen und hinten das Gleiche in umgekehrter Reihenfolge. Auf dem Kotflügel die Flagge von Amerika. Muss wohl ein Staatsbesuch gewesen sein. Er fragte sich, wer wohl in ihr saß und wie hoch die Kosten für seinen Besuch waren. Auf dem Gehweg lag ein Ikea-Karton, aus dessen einer Seite zwei völlig verdreckte Füße bewegungslos heraus hingen. Die Limousine fuhr vorbei. Er lief vorbei. Es gab keine Möglichkeit festzustellen, ob der Mann noch lebte, oder nicht.

Nach diesem Eintrag hat er lange Zeit nichts mehr in sein Tagebuch geschrieben. Ich glaube, er hat sich Vorwürfe gemacht, weil er den Pennern dort nicht geholfen hat, bzw. nicht überprüft hat, ob der Eine noch lebte oder nicht. In seinem nächsten Eintrag schreibt er davon, dass er helfen will. Er bezieht sich dabei nicht auf irgendetwas Spezifisches. Dann kommt wieder einige Zeit lang nichts. Dann schreibt er davon, dass es ja unmöglich sei allen zu helfen – er wird da ziemlich metaphysisch – und erzählt seltsame Geschichten darüber, dass er ja auch die Ursache für all das Leiden sei. Er schreibt sehr konfus von irgendwelchen Zusammenhängen zwischen den Kontinenten, dem internationalen Geldfluss und der Konsumgesellschaft. Insofern war er konsequent, indem er die Ursache beseitigt hat. Nämlich sich selbst. Total verrückt. Naja, c’est la vie. Ich glaube, dass war der Grund, wieso er wollte, dass ich das Tagebuch habe, und nicht seine Frau.

 

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