Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Von Brezeln und solchen die es werden wollen

Sonntag, 16. September 2012

Ich kann nicht anders, ich muss mich jetzt doch mal zu Wort melden. Ich verwehre mich gegen die Enteignung meiner Persönlichkeitsrechte, ich bin es leid, für jeden Zweck missbraucht zu werden und dafür sogar meine Dreiteilung in Kauf nehmen zu müssen. Wo doch jeder Schwabe weiß, dass ich aus einem Stück geschlungen werde. Das ist mein Ursprung und so möchte ich auch abgebildet werden. Oder wie fänden Sie es, wenn man mit Ihnen Werbung macht, aber der Kopf auf der Schulter und der Arm auf dem Hals sitzt. Einem wahren Bürger Stuttgarts könnte so ein Fauxpas nicht passieren. Die Geschichte meiner Zweckentfremdung beginnt mit der Verleumdung, ich hätte etwas mit einem Anschlag auf das Leben des amerikanischen Präsidenten im Januar 2002 zu tun. Gut, dass die Welt an George W. nicht viel verloren hätte, ist die eine Seite, aber es tut besonders weh, wenn mir, die ich mich einzig der Freude am Genuss verpflichtet habe, ein solches Verbrechen angelastet wird. Ein weiterer Versuch, meine Integrität zu untergraben, sind die sogenannten Backshops, die eigentlich Aufbackshops heißen müssten und in denen ungeniessbare, steinharte Imitate von mir, allein der erfolgreichen Werbung wegen, verkauft werden. Und jetzt kommt da dieser Möchtegern-Turner daher und verunstaltet mein Antlitz mit einem Bild von mir, auf dem ich mir selbst dreigeteilt die Hände schüttle. Das Bild soll verbindend wirken, dabei grenzt der sich doch ab und mich von mir. Meinetwegen kann der sich, so lang er will, selbst die Hände schütteln, aber mich so zu zeigen, ist einfach die Höhe, das ist mir in tausend Jahren Brezelgeschichte noch nicht untergekommen.

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Freedom Sense Generator

Sonntag, 16. Dezember 2007

Freedom Sense Generator

 

Der Freedom Sense Generator ist ein Gerät, dass der Harmonisierung und Störungsfreiheit des Users dient. Er filtert störende Objekte aus dem audiovisuellen Umfeld des Users, indem er durch Messung des Störungsquotienten via Spelektrogramm des Kleinhirns registriert und liquidiert. Möglich machen dies zwei Systeme: Audio Internal Differentiating System und Hierarchic Internal Visuals.

 

Durch Implementierung einer elektromagnetischen Patina zwischen Hämmerchen und Trommelfell, die über das Spelektrogramm gesteuert wird, wird gewährleistet, dass als störend identifizierte Ton- und Stimmmuster durch partielle Verhärtung der Patina ausgefiltert werden. Die Steuerung erfolgt durch ein im Nackenbereich, hinter dem Ohrläppchen angebrachtes Steuerungsmodul. Dies erfolgt aus Gründen der Praktizität, die Hierarchic Internal Visuals installieren zu können. Der Freedom Sense Generator verbindet erstmals beide Systeme und macht eine gekoppelte Steuerung möglich, dies geschieht durch Objektabgleich der beiden Systeme in einem dritten Steuerungsrelais.

 

Das HIV wird direkt zwischen die Nervenenden und die Netzhaut geschaltet. Es funktioniert über eine elektromagnetische Doppelpatina, von denen die Äußere Signale an die visuelle Steuerungseinheit sendet, und die Innere die gefilterten Signale an das neuronale System weiterleitet. Die visuelle Steuerungseinheit wird ebenso wie im Falle des Audio Internal Differentiating Systems durch die Ergebnisse des Spelektrogramms mit Daten versorgt.

 

Bahnbrechend ist die Kopplung zwischen beiden Systemen, die automatisch dafür sorgt, dass Geräusche von Objekten, die visuell als Störfaktor charakterisiert wurden, gefiltert werden, ebenso wie das der Ursprung von Schallstörquellen visuell gefiltert wird.

 

Leben auch sie in einer störungsfreien Welt, vertrauen sie dem Freedom Sense Generator!

 

 

Freedom Sense Generator-T

 

Der Freedom Sense Generator aber ist nicht nur subtraktiv zu verwenden, in dem Sinne das etwas von ihrer Wahrnehmung abgezogen wird. Der Freedom Sense Generator kann in der T-Variante auch ihre sämtlichen Telekommunikationssysteme ersetzen. Interne Video Telefonie ist für Sie keine Zukunftsmusik mehr. Bild und Ton werden ihnen direkt auf Netzhaut und Hämmerchen geliefert. Musik ist auch die 2. Funktion des T-Modells. Musikhören ohne Kopfhörer, der Freedom Sense Generator-T machts möglich. Die T-Variante beinhaltet ein Sende- und Empfangsmodul, und fällt daher etwas größer aus als das Basismodell.

 

Freedom Sense Generator-T-V

 

Die T-V Variante vereint das T-Model mit einem Empfänger zur Wiedergabe von digitalem Fernsehen. Schauen sie was sie wollen, wo sie es wollen!

 

 

Freedom Sense Generator-T+

 

Dank modernster Software ist es möglich schon im voraus Störquellen auszuschalten:

 

  • Babykit: Klein- und Kleinstkinder werden auf Grund der Höhe der abgesonderten Schallwellen im voraus akustisch und visuell ausgefiltert

  • Rassistenkit: Dieser ganze Multikultiquatsch geht ihnen auf den Keks… machen Sie sich keine Sorgen, egal woher sie kommen, wir haben den richtigen Ethniefilter für sie.

Tod aus Paris

Montag, 4. Dezember 2006

Vielleicht hat ihn ja einfach nur die Größe überwältigt. Und Berge gabs dort ja auch nicht. Und wenn man dann mit der blauäugigen Vorstellung von Paris als der Stadt der Liebe dort eintrifft, dann muss das ja schief gehen. Vor allem wenn man bedenkt, dass sein Bild von Liebe immer noch an Shakespeares Romeo und Julia gehangen hat. Armer Trottel! Aber sich gleich umzubringen.

Ich kenne ihn eigentlich gar nicht. Ich bin nur derjenige, der ihn gefunden hat, ihn und sein Tagebuch. War kein schöner Anblick. Ich war früh morgens Joggen. Als ich die Autobahnbrücke sah, sah ich auch seinen Schatten hinunterfallen, es war noch dunkel. Ich beschleunigte meinen Schritt, und um Luft schnappend kam ich bei dem Klumpen Mensch an. Seine Arme und Beine knickten in völlig unmöglichen Winkeln, an völlig unmöglichen Stellen ab. Ein Ast von einem Baum, der im Weg gewesen war, hatte ihm einen Krater quer durch das Gesicht gerissen. Angesichts des zerstörten Körpers traute ich mich nicht, erste Hilfe anzuwenden. Er stöhnte auf. Es schien, als wollte er mir etwas sagen. Seine Hand bewegte sich kaum merklich. In der Verlängerung der Bewegung lag etwas auf dem Boden, der Mond spiegelte sich darin. Es war ein dünnes Büchlein, mit glänzendem, schwarzen Einband. Ich nahm es und wollte es ihm geben, da bemerkte ich, dass sich seine Lippen bewegten. Neben ihm kniend, legte ich mein Ohr fast auf seinen Mund, und er sagte zu mir: „Nimm es!“ und dann wieder „Nimm es! Nicht, dass sie…“ Leider kam er nicht mehr dazu, diesen Satz zu beenden. Als der Notarzt eintraf war es bereits zu spät. Das Büchlein behielt ich. Es war ein Tagebuch. Was ich immer noch nicht ganz verstehe ist, wieso er wollte, dass ich, ihm völlig Fremder, es haben sollte. Es stand eine ganze Menge darin; unter anderem wie sehr er Shakespeares Romeo und Julia schätzte, vor allem aber Eintragungen über eine Reise nach Paris und über seine Erlebnisse dort. Er muss dort sehr einsam gewesen sein. Seine Frau konnte ja nicht mit, da sie ihre Mutter pflegen musste.

Zu Anfang benahm er sich wie ein Tourist. Er aß auf den modernen Restaurantbooten, besuchte den Louvre und den Eiffelturm und nahm an einem Gottesdienst in der Kathedrale Notre Dame teil. Nur für ein paar Minuten, denn hinten drängten die nächsten Touristen nach. Da ihm erzählt worden war, dass vor dem Centre Pompidou Strenkünstler ihre Aufführungen abhielten und er das für interessant hielt, begab er sich dorthin. Zauberer, Karikaturenmaler und Musiker stellten ihre Kunst mehr oder weniger professionell zur Schau. Ein Gitarrenspieler, so um die 35, fiel ihm ins Auge. Seine Gitarre war das Sauberste was er bei sich hatte. Seine ausgewaschenen Klamotten waren an einigen Stellen fleckig und die Füße, die aus seinen Sandalen herausguckten, waren mit einem glänzenden Film überzogen. Man kann nicht leugnen, dass unser Brückenspringer sich in seinem Tagebuch über den Zustand des Musikers Sammelhuts lustig machte. Die Rede war von Angst vor Flöhen beim Geld hineinwerfen. Er setzte sich und hörte ihm zu und sah die Touristen vorbeilaufen. Manche blieben kurz stehen, einige Augenblicke später gingen sie wieder weiter und ein paar Tage später landeten sie wieder auf irgendeinem der unzähligen Flughäfen der ersten Welt. In dem Eintrag bedauert er dann auch noch wie anonym diese Verhältnisse sind. Ich wunderte mich ehrlich, dass er nicht auch noch anfing davon zu schreiben wie tragisch es ist, dass die Menschen grußlos aneinander vorbei gingen. Er kam eben vom Land.

Da seine Frau ihn nicht begleiten konnte, hatte sie ihm einen Einkaufszettel mitgegeben. Sie war wohl noch in Klischees des vorigen Jahrhunderts verstrickt, nach denen Paris die Stadt der Mode ist. Armer Kerl. Er entschied sich für Lafayette. Überwältigt von der Vielfältigkeit des Angebots und dem zur Schau gestellten Reichtum streifte er durch die Hallen. Hätte er sich für Architektur interessiert, hätte er die bemerkenswerte Jugendstilarchitektur sicherlich zu würdigen gewusst. Er kam eben vom Land. Als er das Kaufhaus verließ wurde er eines Bettlers gewahr, der neben dem Eingang kniete. Es war ein älterer Mann und er schien krank zu sein. Er zitterte am ganzen Körper und der Hut, den er von sich streckte, wackelte beträchtlich. Seine Zähne waren faulig und eines der Augen war milchig. Er war barfuß. Die Füße hatten kaum Stellen, an denen sie noch die Farbe von Haut besaßen. Er hatte Mitleid mit dem Mann, wegen den Tüten aber keine Hand frei, um ein paar Münzen in den zerknautschten Hut zu werfen. Er überlegte, ob sein Französisch ausreichend wäre, um einen Passanten um Hilfe zu bitten. Da sie aber sowieso im Eilschritt vorbei liefen, entschied er sich dagegen. Aus meiner Sicht muss ich sagen, dass ich sowieso nie etwas gebe. Die sind doch selber schuld und nur zu faul zum Arbeiten. Das konnte dieses Landei einfach nicht verstehen. Trotzdem tut er mir irgendwie Leid.

Da er schon mal in Paris war und das ohne seine Frau, entschied er sich, das Moulin Rouge zu besuchen. Doch was für mich ein Paradies gewesen wäre, war für ihn wohl eher abstossend und ekelerregend. Zumindest sind das die Worte, die er benutzt hat. Doch von Anfang an: Er wusste nicht genau, wo er aussteigen musste und stieg deswegen eine Station zu früh aus der Metro aus. In der Straße in der sich das Moulin Rouge befindet, gibt es mehrere ähnliche Etablissements. An diesen musste er vorbei, um zu seinem Ziel zu kommen. Diese haben heutzutage bekanntermaßen auch ihre Werbemaßnahmen. Männer in gediegenen Anzügen und Frauen in Hotpants sollen die Passanten in die Shows bringen. Womit er überhaupt nicht klar kam, war dass die Schlepper sogar so weit gingen, ihn am Arm festzuhalten. Zumindest die weiblichen. Klingt doch super, oder? Nicht für ihn. Die Dritte oder Vierte schrie er an, dass sie ihn loslassen und sich zum Teufel scheren solle. Ich versteh es echt nicht, schließlich hatte sie ihm eine kostenlose Probe versprochen. Das Ganze endete so, dass er statt das Moulin Rouge zu besuchen, die Metro nach Hause nahm. Er sah aber noch eine lange schwarze Limousine davor halten.

Das sollte nicht die einzige Limo bleiben, die er dort sah. Auf dem Weg zum Musée d’Art Moderne fuhr nochmal eine an ihm vorbei. Diesmal mit Polizeieskorte. Vorne zwei Motorräder und ein Wagen und hinten das Gleiche in umgekehrter Reihenfolge. Auf dem Kotflügel die Flagge von Amerika. Muss wohl ein Staatsbesuch gewesen sein. Er fragte sich, wer wohl in ihr saß und wie hoch die Kosten für seinen Besuch waren. Auf dem Gehweg lag ein Ikea-Karton, aus dessen einer Seite zwei völlig verdreckte Füße bewegungslos heraus hingen. Die Limousine fuhr vorbei. Er lief vorbei. Es gab keine Möglichkeit festzustellen, ob der Mann noch lebte, oder nicht.

Nach diesem Eintrag hat er lange Zeit nichts mehr in sein Tagebuch geschrieben. Ich glaube, er hat sich Vorwürfe gemacht, weil er den Pennern dort nicht geholfen hat, bzw. nicht überprüft hat, ob der Eine noch lebte oder nicht. In seinem nächsten Eintrag schreibt er davon, dass er helfen will. Er bezieht sich dabei nicht auf irgendetwas Spezifisches. Dann kommt wieder einige Zeit lang nichts. Dann schreibt er davon, dass es ja unmöglich sei allen zu helfen – er wird da ziemlich metaphysisch – und erzählt seltsame Geschichten darüber, dass er ja auch die Ursache für all das Leiden sei. Er schreibt sehr konfus von irgendwelchen Zusammenhängen zwischen den Kontinenten, dem internationalen Geldfluss und der Konsumgesellschaft. Insofern war er konsequent, indem er die Ursache beseitigt hat. Nämlich sich selbst. Total verrückt. Naja, c’est la vie. Ich glaube, dass war der Grund, wieso er wollte, dass ich das Tagebuch habe, und nicht seine Frau.

 

Der Strand

Dienstag, 28. November 2006

Nebel verhüllte die vernachtete Landschaft. Da er nicht wusste, was ihn erwartete, hatte er sich für alle Fälle vorbereitet. Er trug einen beigen Designeranzug unter seinem Hugo Boss Mantel. In der Aktentasche, die an seinem Arm baumelte, befand sich ein Hawaihemd, noch eingeschweisst. Sollte es zum Einsatz kommen, durfte er nicht vergessen es ein wenig zu zerknittern. Man musste vorbereitet sein, schließlich konnte man nicht wissen, was auf der Beachparty im örtlichen Hallenbad angesagt sein würde. Seine Firma hatte es zum weihnachtlichen Get-Together angemietet. In den beiden anderen Fächern seiner Aktentasche befand sich ein weißes Handtuch und eine Badehose. Als das Hallenbad in sein Blickfeld geriet, beschlug seine Brille. Ebenso beschlagen waren die Scheiben des Hallenbads. Über dem Wasser konnte man eine dampfige Schicht erkennen, getaucht in die Farben der Lichtanlage, die der Miet-DJ, aufgebaut hatte. Rote, blaue, grüne und gelbe Reflexionen wechselten sich damit ab, die Szenerie in ihr Licht zu tauchen. Durch den Nebel und das beschlagene Doppelglas erschien ihm das alles unwirklich, verwischt und er genoss den wohltuenden Effekt der Erleuchtung, deren Quelle er nicht ausmachen konnte. Vor dem Hallenbad kam ihm ein Auto entgegen. Er bemerkte es erst, als die quietschenden Reifen und der Aufschrei der Hupe ihm signalisierte, dass er aufmerksamer sein und nicht mitten auf der Straße stehen bleiben sollte. Er schüttelte dem Fahrer die geballte Faust hinterher und schlenderte weiter in Richtung Licht. Das Gebäude war potthässlich. Beton, der in seltsamen Winkeln aufeinander traf, verhüllte das Gebäude dort, wo kein Glas war. Das konnte man erst aus der Nähe erkennen. Doch aus der Nähe betrachtete er das Gebäude nicht, da er aufhörte das Gebäude zu betrachten, als er die Glasflächen und das Lichtspiel aufgrund der Verwinkelung des Betons nicht mehr sehen konnte. Dem Bademeister, der sich neuerdings hin und wieder als Türsteher betätigte, zeigte er seinen Firmenausweis und wurde eingelassen.

Drinnen erledigte sich das Dresscode Problem von selbst. Man sah Mitarbeiter in allen drei Kleiderordnungen. Anzug, legerer Freizeitlook oder Badehose und Schlappen. Klasse, dachte er sich, alles umsonst mitgeschleppt. Allerdings schien es den anderen auch nicht anders gegangen zu sein. In den Regalen, in denen sich sonst Handtücher und Shampoo stapelten, lagen die prall gefüllten Aktentaschen der Anderen. Ich denke ich bleibe vorerst im Anzug, dachte er sich und entließ seine Tasche zu ihren Artgenossen.

Auf der einen Seite des Beckens befand sich die Bar. Dahinter stand ein ebenfalls angemieteter Mensch und shakte Cocktails. Am Beckenrand auf der anderen Seite hinter den Startblöcken und dem Dreimeterturm war das Dj-Pult aufgebaut. mitsamt der wummernden Anlage und der blitzenden Lichtanlage. Auf der einen Seite vermisste die Bar ihre Pommes, auf der Anderen fürchtete sich die Anlage vor dem Spritzwasser. Man hatte den Sprungturm geschlossen. Der DJ ließ hin und wieder die Nebelanlage arbeiten, weswegen es sowieso zu gefährlich gewesen wäre, zu springen, da man nicht gesehen hätte ob unter dem Turm jemand eine Runde gedreht hätte, vorausgesetzt Jemand hätte seine müden Körper ins kühle Nass überredet oder auf den Turm. Das Get-Together spielte sich sowieso an der Bar ab. Als er an der Reihe war, nachdem er die übliche, steife Begrüßungsrunde hinter sich hatte, bestellte er sich einen Cuba Libre. Sein Chef überredete ihn dazu, sich mit ihm außerdem einen Küstennebel zu genehmigen. Und da durfte man nicht Nein sagen. Das semi-private Gespräch, das sich aus dem Küstennebel ergab, erweckte in ihm den Drang sich nach Hause in sein Bett zu begeben. Da das zu unhöflich gewesen wäre, fragte er seinen Chef, was er davon halte, ins Wasser zu gehen. Die Taktik ging auf, der Chef lehnte ab, er zog sich um und begab sich leicht angetrunken ins Wasser. Das war zwar nicht so gut wie sein Bett, aber immerhin hatte er seine Ruhe. Abgesehen von der ätzenden Bumm-Bumm Musik und den blitzenden Lichtern, die er aus der Ferne für schön gehalten hatte. Aus der Nähe betrachtet beim Schwimmen, hatten sie ebenso viel Charme wie die wummernden Bässe und das Stakkato der Hihats. Zu allem Überfluss hörte man die Hihats unter Wasser nicht. Er war Brustschwimmer. Jedes mal, wenn er seinen Kopf unter Wasser tauchte, hörte er die schlechte Musik nur zur Hälfte. Stressig! Er beschloss möglichst lange zu tauchen, um sich der Tortur zu entziehen. Im Tauchgang genoss er das regelmäßige Licht der Unterwasserbeleuchtung des Beckens. Während die wechselnden Farbexplosionen von der Oberfläche des Wassers ausgeschlossen wurde, fechteten die klanglichen Überreste der 4000 Watt Anlage mit dem Geblubber der Wasserzufuhr. Er gleitete durch die Klang- und Farbenwelt. Hier war es fast auszuhalten. Ihm waren diese Dinge zu wider. Er verachtete die kriechende Firmenhierarchie. Er verachtete sich selbst als Teil dessen. Schade, dass er nur begrenzte Zeit auf Tauchstation gehen konnte. Kiemen wären schön. Auftauchen. Er stieg aus dem Becken und legte sein Freizeitoutfit an. Leger und casual begab er sich an die Bar und entschied, das Wasser durch Alkohol zu ersetzen. Eine dreiviertel Stunde später hatte sich der Küstennebel aus mehreren Gläsern in seinen Augen abgesetzt.

Sein Blick schweift hinüber zum DJ-Pult. Er stand allein hinter seinem Mischpult. Ich bin zu weit weg, um ihn zu erkennen. Vorsichtig lenkte ich Schritt für Schritt am Beckenrand entlang, um ihn sehen zu können. Ich fand mich an seinen Tisch gelehnt. Er schien der glücklichste Mensch auf Erden. Sein Grinsen hatte etwas unheimliches. Es ging von einem Ohr zum anderen und entblößte nach Hasenmanier seine vorderen, beiden Zahnreihen. Seine Backen werfen Wellen und aus den Tälern seiner Gruben, ist das Blut verbannt. Ich frage ihn, was ihn so strahlend macht. Er antwortet mir mit der Frage, wie legal ich sei. Ich bin legal-egal. Er hält mir einen Zellophanbeutel vor die Nase. Fünfzehn Euro. Ich krame in meinen Taschen und kann meinen Geldbeutel nicht finden. Nachdem ich meine Aktentasche aus der Menge ihrer Zwillinge heraus gefiltert hatte, kehre ich zurück zum DJ und nehme meine Happypill entgegen.

Die Blitze der Scheinwerfer treffen auf meine Augen. Es ist als ob ich eine Sonnenbrille auf der Nase trage, die die Energie abfängt. Ich weiß, dass der Bass weiter zuschlägt, wieder und wieder, und doch ist er für meine Ohren unerreichbar geworden. Ich sehe die Wellen in ihrer viereckigen Küste und höre das Rauschen der Brandung. Jemand zieht an meinem Arm. Ich stelle fest, dass ich irgendwie in Schräglage gekommen bin. Mein Körper hängt seitlich zum Becken und mein Torso richtet sich im 45 Grad Winkel in Richtung des Beckens. An meiner Seite steht der DJ und hindert mich daran, ins Wasser zu fallen. Langsam zieht er mich aus der Gefahrenzone. Ich sehe, dass seine Lippen sich bewegen, aber das Meer ist zu laut. Ich verstehe ihn nicht. Ich begebe mich an die Bar und finde mich in Babylon wieder. Einzelne Worte der Mitarbeiter finden ihren Weg an mein Ohr. Doch ich verstehe nicht. Das Rauschen klingt ab, die Ebbe setzt ein. Das einzige, das ich verstehe, ist das gefällige Lachen der Mitarbeiter. Hatte der Chef mal wieder einen Witz gemacht. Ich lache mit. Daran halte ich mich. Lachen, wenn die anderen Lachen. Dazu muss man nicht wissen, was gesagt wurde. Diese Strategie funktioniert an meinem Strand.

Aus dem Sekundenbuch einer Eintagsfliege

Montag, 20. November 2006

[Eintagsfliegen berechnen Zeit in Mekoba, ein Mekoba entspricht ungefähr drei Sekunden menschlicher Zeitrechnung (Anm. d. Übers.)]

Jetzt bin ich grad zwei Stunden alt, da bleiben mir noch 22. Das ist schon echt wenig. Kurz! Geradezu viel zu wenig. Wie soll man denn in der kurzen Zeit Irgendwas Sinnvolles bewältigen? Die schönen Zeiten sind doch eh schon vorbei. Ab jetzt heißt es Nahrung suchen, und sobald ich es mir leisten kann Eier legen, und dann… kommt nicht mehr viel. Wers echt gut hat, sind die Schmetterlinge. Vor einiger Zeit, ich erinnere mich nicht so genau, ich schätze mal, so vor zehn, elf Minuten, hab ich einen Schmetterling getroffen. Der hat mir das so erklärt: „Jeder Schmetterling kann mit einem einzigen Flügelschlag die Welt verändern.“ Und was für schöne Flügel der hatte, elegant, aber trotzdem kräftig. Rot und Gelb, das ineinander übergeht und vier regelmäßige Kringel in Schwarz und Weiß. Frech und vorlaut, wie ich damals war, begann ich ganz schnell mit meinen Flügeln zu schlagen, aber der Schmetterling schmetterte mit seiner wohlklingenden, warmen Stimme meinen Enthusiasmus zu Boden und sagte: „Um so etwas bewerkstelligen zu können, bedarf es erhöhten Voraussetzungen. Siehst du die feurigen Kringel an meinen Flügeln? Das sind meine Instrumente des Schicksals, ohne so etwas Tolles, kann man es gleich vergessen. Und schau dich doch mal an! Klein und hässlich ereiferst du deine grauen Flügelstummel und überschlägst dich, aber verändern, tust du nichts!“

Betreten schaute ich auf meine Flügel, von denen ich einige Augenblicke vorher noch angenommen hatte, dass sie die Welt verändern können. Aber wer bin ich schon? Ich bin doch nur die graue Miniaturversion des großen, schönen Schmetterlings. Aber ich muss jetzt mal los, schließlich ist morgen auch noch ein Mekoba.

Schachsinn

Sonntag, 12. November 2006

Im Park. Zwei Männer sitzen an einem Tisch und spielen Schiffe versenken. Im Hintergrund spielen Kinder auf einem Riesenschachfeld Schach.

 

Mann 1: H8.

Mann 2: Wasser. F5.

Mann 1: Wasser. Ich würde ja lieber Schach spielen. Wieso haben wir uns doch gleich überreden lassen? Ist ja auch egal. E8.

Mann 2: Wasser. Ach komm schon, lass doch den Jungs ihren Spaß! Was soll’s! G5.

Mann 1: Wasser. Ich find das macht hier nicht viel Sinn auf kleine Plastikboote zu ballern. H2.

Mann 2: Wasser. Dann nenn deinen Flugzeugträger doch einfach U.S.S. Sinn und schon macht’s mehr Sinn. Was könnte wohl dagegen stehn? Hier, mein U-boot U97 Tod. Böse grinsend D4!! Harr Harr

Mann 1: Wasser. H8

Mann 2: Ach komm, jetzt konzentrier dich wenigstens. Da hast du vorher schon hingeschossen.

Mann 1: Ok, H7.

Mann 2: Mein Gott, ein bisschen mehr Begeisterung wenn ich bitten darf! So belanglos wie du das Ganze hier betrachtest macht das doch keinen Spaß… Wasser! C5.

Mann 1: Treffer. Das ist mein Flugzeugträger.

Mann 2: Die Sinn ist getroffen, die Sinn ist getroffen! Wird die Tod nachsetzen können? Wir werden sehn, bleiben sie gespannt auf die Fortsetzung dieses Duells auf See, was seh ich da? Die Tod macht ihre Geschütze fertig und ja, es sieht so aus, als ob sie auf… ja genau, sie feuert auf C6!

Mann 1: Das ist doch Sinnlos! Treffer.

Mann 2: Nein, noch sind wir die Sinn nicht los! Und da geht es weiter frei nach dem Motto: Grüß mir die Fische! Ja, auch die noch Unbekannten. C7!

Mann 1: Hauptsache du hast Spaß! Treffer!

Mann 2: Bumm Bumm Bumerang. Und weiter. Mit… C4!

Mann 1: Treffer.

Mann 2: Wow. Jetzt wird es schwierig, hier zeichnet sich ein guter Admiral aus und der Schwache verliert die Nerven… wo versteckt sich der letzte Teil der Sinn? Hmm… C3.

Mann 1: Treffer versenkt.

Mann 2 springt auf und vollführt einen Freudentanz.

Mann 2: Versenkt, versenkt, die Sinn ist Geschichte.

Im Hintergrund

Kind 1: Schach Matt!

Kind 2: Es ist einfach zu entscheiden, was weiß ist und was schwarz. Doch in einer Welt, die sich zwischen Schwarz und Weiß abspielt, gehen die Grenzen manchmal ineinander über. Sie verlaufen ineinander und das klare „Schach Matt“ wird zur Illusion.

Aperitif

Mittwoch, 11. Oktober 2006

Bevor es losgeht – Zwar ohne Geschichte, dafür kurz:


Wie geistreich

Du bist reich an Geistern

Und geisterst mit ihnen durch dein Reich.

Bereicherst dich am Geiste deiner Mitgeister,

Begeisterst dich am Reichtum deines Reiches,

Doch reicht der Reichtum deines Geistes nicht aus,

Den geistreichen Geistern ein Reich abzugeistern.

Da geisterst du lieber noch ein

Bisschen durch dein Reich.

Für kostenlose Zungengymnastik Telephon nehmen und Nummer des Intimfeinds wählen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie etc.

Unter Bearbeitung

Dienstag, 10. Oktober 2006

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