Als die Schweiz genug bekam

Fröhlich glitten die Shuttles der Pariser Metro durch das unterirdische Tunnellabyrinth. Ausser dem Zischen der Luft, durch die sie schnitten, war kein Geräusch zu hören. Das stimmte eigentlich gar nicht. Eine Stimme bestimmte die Schallwellenwelt – Eine sanfte Frauenstimme: „Madeleine“. Dem neugierigen Beobachter hätten sich die eintönigen Botschaften der Frau erschließen können. Mit stoischer Gelassenheit und unendlicher Geduld wiederholte sie immer wieder die selben Worte – gleichzeitig und überall. Doch er war ja nicht da. „Châtelet“ Stumm hingen die Displays an der Wand, die ansonsten den Besucher mit Namen begrüßt hätten, und ihm die neuesten Entwicklungen der X-Technology angeboten hätte. Das Licht war aber an. Ein Newsdis hingegen verkündete, dass die Schweizer wohl an Allem Schuld seien. Doch hier muss ich kurz einhaken. Nachdem die Menschheit es endlich geschafft hatte, ihre Religionsstreitigkeiten hinter sich zu lassen und die darauf folgenden sozialen Konflikte zwischen den reichen und den armen Ländern der Erde beigelegt waren, standen die Schweizer vor einem Problem. Sie hatten sich nämlich mehr und mehr auf die Geschäfte mit dem Geld und dem Kapital spezialisiert, und da die Beilegung des Arm-Reich Konflikts beinhaltete, dass nun alle Länder gleichen Wohlstand hatten, wurden sie nicht mehr benötigt. Der Reichtum, der sich aus der Kooperation (die letztlich in der Erd-Allianz ihr Ziel fand, oder vielmehr gefunden hätte) ergab, dass Niemand seinen Besitz mehr schützen musste, da sowieso Jeder genug hatte. Die Einzigen, die nicht genug hatten, das waren die arbeitsfreudigen Schweizer. Einsam lagen die Nummernkonten brach und die Schweizer, die jegliche Produktion outgesourced hatten, ja sogar Teile der Kapitalverwaltung, saßen in ihren unzugänglichen Bergen und drehten Däumchen. Sie wollten die Internationale Vereinte Staatengemeinschaft (kurz: I.V.S.), die damals in Verhandlungen für die Verfassung der Erd-Allianz war, auf sich aufmerksam machen. Zu diesem Zeitpunkt etwa erreichte die dritte Welle von Kolonisateuren Alpha Centauri, aber das nur am Rande – 14 Jahre brauchten sie, um den nächsten Klasse M Planeten zu erreichen! Was ich damit sagen will, sowohl die Medien, als auch der zweite Ansprechpartner, waren einfach zu beschäftigt, um sich mit dem kleinen Bergstaat zu beschäftigen. Herr Peter Ziege, der für die Schweiz einen halben Sitz im Rat der I.V.S. einnahm und den treffenden Spitznamen Ziegenpeter trug, war ein notorischer Nörgler. Als er nun am Tag der Ankunft der Siedler auf Alpha Centauri im Rat seine Nörgeleien begann, begann eine Gegenreaktion, die man landläufig auch als Mobbing bezeichnet. Die Ratsmitglieder von Groß Italien, der Chinesischen Bundesrepublik und dem Freien Arabien ließen kein gutes Haar an seiner Rede und warfen ihm seine ewige Miesmacherei vor. Als dann auch noch der Repräsentant von Österreich (der zusätzlich einen ganzen Sitz hatte) damit begann seinen Dialekt nachzuahmen, hatte der Ziegenpeter genug, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und verschränkte beleidigt die Arme. An diesem Tag schwor er sich, dass er den Rat der I.V.S. von nun an mit Nichtachtung strafen würden. Als besonders effizient konnte man diese Strafmaßnahme eher nicht bezeichnen, da das in dem ganzen Trubel überhaupt nicht auffiel, und wenn doch einmal jemandes Augenmerk auf den stillen Ziegenpeter in seinem Sessel fiel, so war er eigentlich nur froh, dass dieser die Klappe hielt. Er sollte das letzte Mitglied der Schweiz im Rat der I.V.S. sein, was besonders tragisch ist, da die Mitglieder auf Lebenszeit gewählt werden. In jedem Fall hatte die Schweiz ein Problem. Ihr Kontakt zur Aussenwelt war quasi unterbrochen. Ihr Einfluss auf die Weltpolitik gebrochen. Also beauftragten sie ihre besten Experten (für den Bereich Kapitalmanagement, internationales Investment und Trade Surveillance) mit einer Expertise. Diese stiessen auf eine während den Religionsstreitigkeiten zu Beginn der Hyperalisation in der Periode der so genannten Globalisierung oft genutzte Methode. Dabei ging es darum, ein möglichst großes Blutbad zu veranstalten, um irgendwie Aufmerksamkeit zu erreichen. Tragischerweise hatte die Schweiz seit der Auflösung des Vatikanstaats aber ihre Truppen aufgelöst und nur noch Sicherheitspersonal aus Groß Britannien/Germania und dem Staat Amerika eingestellt. Selbstverständlich wurden diese sämtlich entlassen, da sie bei diesem Plan im Wege gewesen wären. Das tragische Detail allerdings ist, dass die Schweizer nicht wussten, was anzustellen sei. Das wenige Wissen, das sie hatten, waren die uralten Aufzeichnung eines Herstellers für Schnittwerkzeuge namens Victorinox. Und mit Taschenmessern, die noch nicht einmal mit einer Vibroklinge bestückt waren konnte man nun wirklich kein Blutbad anrichten. Man entschied sich also für eine Bombe. Und da man Wasserstoff im Zürcher See zur genüge zur Verfügung hatte baute man diese also. Beziehungsweise… Also gebaut wurde sie. Blöderweise ging sie hoch bevor man sie woanders hin bringen konnte. Das erste Opfer der Bombe wurde sein Konstrukteur, der es für ein nettes Detail hielt, die Bombe so zu bauen, dass das verbrannte Feld um den Krater herum die Form der früheren Schweizer Grenze annehmen würde. Von heute auf morgen wurde die Schweiz sozusagen ausradiert, und Niemand wusste wieso. Zurück zum Ziegenpeter. Dieser war selbstverständlich nicht in die Pläne eingeweiht, da er doch auch so die Interessen der Schweiz äußerst schlecht vertreten hatte, und man ihm nicht trauen konnte. In seinem Sitz in Brüssel im Rat der V.I.S. hatte er die Explosion überlebt und beschuldigte nun die Österreicher, Groß-Italien und die Bundesrepublik China, dass sie die Schweiz ausgelöscht hatten. Gleichzeitig wurde die atomare Explosion von den Sensoren eines redundanten Waffensystems aus der Zeit des Arm-Reich Konflikts registriert, die durch einen Programmfehler begann ihre Sprengköpfe nach Großitalien zu schicken. So begann dass, was man gut und gern als Armageddon bezeichnen könnte, und letztlich blieb niemand mehr übrig, der erzählen könnte was genau passiert ist. Die automatisierten Systeme auf der Erde, die mit Solarenergie betrieben wurden und mit einem doppelten Wartungssystem gekoppelt sind laufen mittlerweile seit 1000 Jahren sinnlos vor sich hin. „Pigalle“. Das einzige was sie gesehen haben sind die Sonden, die die Daten erhoben haben, aus denen sich diese Geschichte ergibt.

 

— Ende —

 

präsentiert von Tanker Inc.

Alpha Centauris erster Adresse,

wenn es um Öl geht.

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2 Antworten to “Als die Schweiz genug bekam”

  1. der joda Says:

    nette geschichte und man sieht krieg oder nicht wir sind so oder so am a…;-)
    take care

  2. Luke Says:

    ROFL! Hammer Geschichte! Musste echt lachen gegen Ende 🙂

    Nochn Gruß vom Luke

    PS: Das geht an „joda“…dich schreibt man eigentlich mit „y“ oder nicht? Oder bist du der Großcousin von dem mir Meister Yoda soviel erzählt hat? Egal…may the force be with you!
    Luke

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