Von Brezeln und solchen die es werden wollen

Sonntag, 16. September 2012

Ich kann nicht anders, ich muss mich jetzt doch mal zu Wort melden. Ich verwehre mich gegen die Enteignung meiner Persönlichkeitsrechte, ich bin es leid, für jeden Zweck missbraucht zu werden und dafür sogar meine Dreiteilung in Kauf nehmen zu müssen. Wo doch jeder Schwabe weiß, dass ich aus einem Stück geschlungen werde. Das ist mein Ursprung und so möchte ich auch abgebildet werden. Oder wie fänden Sie es, wenn man mit Ihnen Werbung macht, aber der Kopf auf der Schulter und der Arm auf dem Hals sitzt. Einem wahren Bürger Stuttgarts könnte so ein Fauxpas nicht passieren. Die Geschichte meiner Zweckentfremdung beginnt mit der Verleumdung, ich hätte etwas mit einem Anschlag auf das Leben des amerikanischen Präsidenten im Januar 2002 zu tun. Gut, dass die Welt an George W. nicht viel verloren hätte, ist die eine Seite, aber es tut besonders weh, wenn mir, die ich mich einzig der Freude am Genuss verpflichtet habe, ein solches Verbrechen angelastet wird. Ein weiterer Versuch, meine Integrität zu untergraben, sind die sogenannten Backshops, die eigentlich Aufbackshops heißen müssten und in denen ungeniessbare, steinharte Imitate von mir, allein der erfolgreichen Werbung wegen, verkauft werden. Und jetzt kommt da dieser Möchtegern-Turner daher und verunstaltet mein Antlitz mit einem Bild von mir, auf dem ich mir selbst dreigeteilt die Hände schüttle. Das Bild soll verbindend wirken, dabei grenzt der sich doch ab und mich von mir. Meinetwegen kann der sich, so lang er will, selbst die Hände schütteln, aber mich so zu zeigen, ist einfach die Höhe, das ist mir in tausend Jahren Brezelgeschichte noch nicht untergekommen.

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Freedom Sense Generator

Sonntag, 16. Dezember 2007

Freedom Sense Generator

 

Der Freedom Sense Generator ist ein Gerät, dass der Harmonisierung und Störungsfreiheit des Users dient. Er filtert störende Objekte aus dem audiovisuellen Umfeld des Users, indem er durch Messung des Störungsquotienten via Spelektrogramm des Kleinhirns registriert und liquidiert. Möglich machen dies zwei Systeme: Audio Internal Differentiating System und Hierarchic Internal Visuals.

 

Durch Implementierung einer elektromagnetischen Patina zwischen Hämmerchen und Trommelfell, die über das Spelektrogramm gesteuert wird, wird gewährleistet, dass als störend identifizierte Ton- und Stimmmuster durch partielle Verhärtung der Patina ausgefiltert werden. Die Steuerung erfolgt durch ein im Nackenbereich, hinter dem Ohrläppchen angebrachtes Steuerungsmodul. Dies erfolgt aus Gründen der Praktizität, die Hierarchic Internal Visuals installieren zu können. Der Freedom Sense Generator verbindet erstmals beide Systeme und macht eine gekoppelte Steuerung möglich, dies geschieht durch Objektabgleich der beiden Systeme in einem dritten Steuerungsrelais.

 

Das HIV wird direkt zwischen die Nervenenden und die Netzhaut geschaltet. Es funktioniert über eine elektromagnetische Doppelpatina, von denen die Äußere Signale an die visuelle Steuerungseinheit sendet, und die Innere die gefilterten Signale an das neuronale System weiterleitet. Die visuelle Steuerungseinheit wird ebenso wie im Falle des Audio Internal Differentiating Systems durch die Ergebnisse des Spelektrogramms mit Daten versorgt.

 

Bahnbrechend ist die Kopplung zwischen beiden Systemen, die automatisch dafür sorgt, dass Geräusche von Objekten, die visuell als Störfaktor charakterisiert wurden, gefiltert werden, ebenso wie das der Ursprung von Schallstörquellen visuell gefiltert wird.

 

Leben auch sie in einer störungsfreien Welt, vertrauen sie dem Freedom Sense Generator!

 

 

Freedom Sense Generator-T

 

Der Freedom Sense Generator aber ist nicht nur subtraktiv zu verwenden, in dem Sinne das etwas von ihrer Wahrnehmung abgezogen wird. Der Freedom Sense Generator kann in der T-Variante auch ihre sämtlichen Telekommunikationssysteme ersetzen. Interne Video Telefonie ist für Sie keine Zukunftsmusik mehr. Bild und Ton werden ihnen direkt auf Netzhaut und Hämmerchen geliefert. Musik ist auch die 2. Funktion des T-Modells. Musikhören ohne Kopfhörer, der Freedom Sense Generator-T machts möglich. Die T-Variante beinhaltet ein Sende- und Empfangsmodul, und fällt daher etwas größer aus als das Basismodell.

 

Freedom Sense Generator-T-V

 

Die T-V Variante vereint das T-Model mit einem Empfänger zur Wiedergabe von digitalem Fernsehen. Schauen sie was sie wollen, wo sie es wollen!

 

 

Freedom Sense Generator-T+

 

Dank modernster Software ist es möglich schon im voraus Störquellen auszuschalten:

 

  • Babykit: Klein- und Kleinstkinder werden auf Grund der Höhe der abgesonderten Schallwellen im voraus akustisch und visuell ausgefiltert

  • Rassistenkit: Dieser ganze Multikultiquatsch geht ihnen auf den Keks… machen Sie sich keine Sorgen, egal woher sie kommen, wir haben den richtigen Ethniefilter für sie.

Tod aus Paris

Montag, 4. Dezember 2006

Vielleicht hat ihn ja einfach nur die Größe überwältigt. Und Berge gabs dort ja auch nicht. Und wenn man dann mit der blauäugigen Vorstellung von Paris als der Stadt der Liebe dort eintrifft, dann muss das ja schief gehen. Vor allem wenn man bedenkt, dass sein Bild von Liebe immer noch an Shakespeares Romeo und Julia gehangen hat. Armer Trottel! Aber sich gleich umzubringen.

Ich kenne ihn eigentlich gar nicht. Ich bin nur derjenige, der ihn gefunden hat, ihn und sein Tagebuch. War kein schöner Anblick. Ich war früh morgens Joggen. Als ich die Autobahnbrücke sah, sah ich auch seinen Schatten hinunterfallen, es war noch dunkel. Ich beschleunigte meinen Schritt, und um Luft schnappend kam ich bei dem Klumpen Mensch an. Seine Arme und Beine knickten in völlig unmöglichen Winkeln, an völlig unmöglichen Stellen ab. Ein Ast von einem Baum, der im Weg gewesen war, hatte ihm einen Krater quer durch das Gesicht gerissen. Angesichts des zerstörten Körpers traute ich mich nicht, erste Hilfe anzuwenden. Er stöhnte auf. Es schien, als wollte er mir etwas sagen. Seine Hand bewegte sich kaum merklich. In der Verlängerung der Bewegung lag etwas auf dem Boden, der Mond spiegelte sich darin. Es war ein dünnes Büchlein, mit glänzendem, schwarzen Einband. Ich nahm es und wollte es ihm geben, da bemerkte ich, dass sich seine Lippen bewegten. Neben ihm kniend, legte ich mein Ohr fast auf seinen Mund, und er sagte zu mir: „Nimm es!“ und dann wieder „Nimm es! Nicht, dass sie…“ Leider kam er nicht mehr dazu, diesen Satz zu beenden. Als der Notarzt eintraf war es bereits zu spät. Das Büchlein behielt ich. Es war ein Tagebuch. Was ich immer noch nicht ganz verstehe ist, wieso er wollte, dass ich, ihm völlig Fremder, es haben sollte. Es stand eine ganze Menge darin; unter anderem wie sehr er Shakespeares Romeo und Julia schätzte, vor allem aber Eintragungen über eine Reise nach Paris und über seine Erlebnisse dort. Er muss dort sehr einsam gewesen sein. Seine Frau konnte ja nicht mit, da sie ihre Mutter pflegen musste.

Zu Anfang benahm er sich wie ein Tourist. Er aß auf den modernen Restaurantbooten, besuchte den Louvre und den Eiffelturm und nahm an einem Gottesdienst in der Kathedrale Notre Dame teil. Nur für ein paar Minuten, denn hinten drängten die nächsten Touristen nach. Da ihm erzählt worden war, dass vor dem Centre Pompidou Strenkünstler ihre Aufführungen abhielten und er das für interessant hielt, begab er sich dorthin. Zauberer, Karikaturenmaler und Musiker stellten ihre Kunst mehr oder weniger professionell zur Schau. Ein Gitarrenspieler, so um die 35, fiel ihm ins Auge. Seine Gitarre war das Sauberste was er bei sich hatte. Seine ausgewaschenen Klamotten waren an einigen Stellen fleckig und die Füße, die aus seinen Sandalen herausguckten, waren mit einem glänzenden Film überzogen. Man kann nicht leugnen, dass unser Brückenspringer sich in seinem Tagebuch über den Zustand des Musikers Sammelhuts lustig machte. Die Rede war von Angst vor Flöhen beim Geld hineinwerfen. Er setzte sich und hörte ihm zu und sah die Touristen vorbeilaufen. Manche blieben kurz stehen, einige Augenblicke später gingen sie wieder weiter und ein paar Tage später landeten sie wieder auf irgendeinem der unzähligen Flughäfen der ersten Welt. In dem Eintrag bedauert er dann auch noch wie anonym diese Verhältnisse sind. Ich wunderte mich ehrlich, dass er nicht auch noch anfing davon zu schreiben wie tragisch es ist, dass die Menschen grußlos aneinander vorbei gingen. Er kam eben vom Land.

Da seine Frau ihn nicht begleiten konnte, hatte sie ihm einen Einkaufszettel mitgegeben. Sie war wohl noch in Klischees des vorigen Jahrhunderts verstrickt, nach denen Paris die Stadt der Mode ist. Armer Kerl. Er entschied sich für Lafayette. Überwältigt von der Vielfältigkeit des Angebots und dem zur Schau gestellten Reichtum streifte er durch die Hallen. Hätte er sich für Architektur interessiert, hätte er die bemerkenswerte Jugendstilarchitektur sicherlich zu würdigen gewusst. Er kam eben vom Land. Als er das Kaufhaus verließ wurde er eines Bettlers gewahr, der neben dem Eingang kniete. Es war ein älterer Mann und er schien krank zu sein. Er zitterte am ganzen Körper und der Hut, den er von sich streckte, wackelte beträchtlich. Seine Zähne waren faulig und eines der Augen war milchig. Er war barfuß. Die Füße hatten kaum Stellen, an denen sie noch die Farbe von Haut besaßen. Er hatte Mitleid mit dem Mann, wegen den Tüten aber keine Hand frei, um ein paar Münzen in den zerknautschten Hut zu werfen. Er überlegte, ob sein Französisch ausreichend wäre, um einen Passanten um Hilfe zu bitten. Da sie aber sowieso im Eilschritt vorbei liefen, entschied er sich dagegen. Aus meiner Sicht muss ich sagen, dass ich sowieso nie etwas gebe. Die sind doch selber schuld und nur zu faul zum Arbeiten. Das konnte dieses Landei einfach nicht verstehen. Trotzdem tut er mir irgendwie Leid.

Da er schon mal in Paris war und das ohne seine Frau, entschied er sich, das Moulin Rouge zu besuchen. Doch was für mich ein Paradies gewesen wäre, war für ihn wohl eher abstossend und ekelerregend. Zumindest sind das die Worte, die er benutzt hat. Doch von Anfang an: Er wusste nicht genau, wo er aussteigen musste und stieg deswegen eine Station zu früh aus der Metro aus. In der Straße in der sich das Moulin Rouge befindet, gibt es mehrere ähnliche Etablissements. An diesen musste er vorbei, um zu seinem Ziel zu kommen. Diese haben heutzutage bekanntermaßen auch ihre Werbemaßnahmen. Männer in gediegenen Anzügen und Frauen in Hotpants sollen die Passanten in die Shows bringen. Womit er überhaupt nicht klar kam, war dass die Schlepper sogar so weit gingen, ihn am Arm festzuhalten. Zumindest die weiblichen. Klingt doch super, oder? Nicht für ihn. Die Dritte oder Vierte schrie er an, dass sie ihn loslassen und sich zum Teufel scheren solle. Ich versteh es echt nicht, schließlich hatte sie ihm eine kostenlose Probe versprochen. Das Ganze endete so, dass er statt das Moulin Rouge zu besuchen, die Metro nach Hause nahm. Er sah aber noch eine lange schwarze Limousine davor halten.

Das sollte nicht die einzige Limo bleiben, die er dort sah. Auf dem Weg zum Musée d’Art Moderne fuhr nochmal eine an ihm vorbei. Diesmal mit Polizeieskorte. Vorne zwei Motorräder und ein Wagen und hinten das Gleiche in umgekehrter Reihenfolge. Auf dem Kotflügel die Flagge von Amerika. Muss wohl ein Staatsbesuch gewesen sein. Er fragte sich, wer wohl in ihr saß und wie hoch die Kosten für seinen Besuch waren. Auf dem Gehweg lag ein Ikea-Karton, aus dessen einer Seite zwei völlig verdreckte Füße bewegungslos heraus hingen. Die Limousine fuhr vorbei. Er lief vorbei. Es gab keine Möglichkeit festzustellen, ob der Mann noch lebte, oder nicht.

Nach diesem Eintrag hat er lange Zeit nichts mehr in sein Tagebuch geschrieben. Ich glaube, er hat sich Vorwürfe gemacht, weil er den Pennern dort nicht geholfen hat, bzw. nicht überprüft hat, ob der Eine noch lebte oder nicht. In seinem nächsten Eintrag schreibt er davon, dass er helfen will. Er bezieht sich dabei nicht auf irgendetwas Spezifisches. Dann kommt wieder einige Zeit lang nichts. Dann schreibt er davon, dass es ja unmöglich sei allen zu helfen – er wird da ziemlich metaphysisch – und erzählt seltsame Geschichten darüber, dass er ja auch die Ursache für all das Leiden sei. Er schreibt sehr konfus von irgendwelchen Zusammenhängen zwischen den Kontinenten, dem internationalen Geldfluss und der Konsumgesellschaft. Insofern war er konsequent, indem er die Ursache beseitigt hat. Nämlich sich selbst. Total verrückt. Naja, c’est la vie. Ich glaube, dass war der Grund, wieso er wollte, dass ich das Tagebuch habe, und nicht seine Frau.

 

Der Strand

Dienstag, 28. November 2006

Nebel verhüllte die vernachtete Landschaft. Da er nicht wusste, was ihn erwartete, hatte er sich für alle Fälle vorbereitet. Er trug einen beigen Designeranzug unter seinem Hugo Boss Mantel. In der Aktentasche, die an seinem Arm baumelte, befand sich ein Hawaihemd, noch eingeschweisst. Sollte es zum Einsatz kommen, durfte er nicht vergessen es ein wenig zu zerknittern. Man musste vorbereitet sein, schließlich konnte man nicht wissen, was auf der Beachparty im örtlichen Hallenbad angesagt sein würde. Seine Firma hatte es zum weihnachtlichen Get-Together angemietet. In den beiden anderen Fächern seiner Aktentasche befand sich ein weißes Handtuch und eine Badehose. Als das Hallenbad in sein Blickfeld geriet, beschlug seine Brille. Ebenso beschlagen waren die Scheiben des Hallenbads. Über dem Wasser konnte man eine dampfige Schicht erkennen, getaucht in die Farben der Lichtanlage, die der Miet-DJ, aufgebaut hatte. Rote, blaue, grüne und gelbe Reflexionen wechselten sich damit ab, die Szenerie in ihr Licht zu tauchen. Durch den Nebel und das beschlagene Doppelglas erschien ihm das alles unwirklich, verwischt und er genoss den wohltuenden Effekt der Erleuchtung, deren Quelle er nicht ausmachen konnte. Vor dem Hallenbad kam ihm ein Auto entgegen. Er bemerkte es erst, als die quietschenden Reifen und der Aufschrei der Hupe ihm signalisierte, dass er aufmerksamer sein und nicht mitten auf der Straße stehen bleiben sollte. Er schüttelte dem Fahrer die geballte Faust hinterher und schlenderte weiter in Richtung Licht. Das Gebäude war potthässlich. Beton, der in seltsamen Winkeln aufeinander traf, verhüllte das Gebäude dort, wo kein Glas war. Das konnte man erst aus der Nähe erkennen. Doch aus der Nähe betrachtete er das Gebäude nicht, da er aufhörte das Gebäude zu betrachten, als er die Glasflächen und das Lichtspiel aufgrund der Verwinkelung des Betons nicht mehr sehen konnte. Dem Bademeister, der sich neuerdings hin und wieder als Türsteher betätigte, zeigte er seinen Firmenausweis und wurde eingelassen.

Drinnen erledigte sich das Dresscode Problem von selbst. Man sah Mitarbeiter in allen drei Kleiderordnungen. Anzug, legerer Freizeitlook oder Badehose und Schlappen. Klasse, dachte er sich, alles umsonst mitgeschleppt. Allerdings schien es den anderen auch nicht anders gegangen zu sein. In den Regalen, in denen sich sonst Handtücher und Shampoo stapelten, lagen die prall gefüllten Aktentaschen der Anderen. Ich denke ich bleibe vorerst im Anzug, dachte er sich und entließ seine Tasche zu ihren Artgenossen.

Auf der einen Seite des Beckens befand sich die Bar. Dahinter stand ein ebenfalls angemieteter Mensch und shakte Cocktails. Am Beckenrand auf der anderen Seite hinter den Startblöcken und dem Dreimeterturm war das Dj-Pult aufgebaut. mitsamt der wummernden Anlage und der blitzenden Lichtanlage. Auf der einen Seite vermisste die Bar ihre Pommes, auf der Anderen fürchtete sich die Anlage vor dem Spritzwasser. Man hatte den Sprungturm geschlossen. Der DJ ließ hin und wieder die Nebelanlage arbeiten, weswegen es sowieso zu gefährlich gewesen wäre, zu springen, da man nicht gesehen hätte ob unter dem Turm jemand eine Runde gedreht hätte, vorausgesetzt Jemand hätte seine müden Körper ins kühle Nass überredet oder auf den Turm. Das Get-Together spielte sich sowieso an der Bar ab. Als er an der Reihe war, nachdem er die übliche, steife Begrüßungsrunde hinter sich hatte, bestellte er sich einen Cuba Libre. Sein Chef überredete ihn dazu, sich mit ihm außerdem einen Küstennebel zu genehmigen. Und da durfte man nicht Nein sagen. Das semi-private Gespräch, das sich aus dem Küstennebel ergab, erweckte in ihm den Drang sich nach Hause in sein Bett zu begeben. Da das zu unhöflich gewesen wäre, fragte er seinen Chef, was er davon halte, ins Wasser zu gehen. Die Taktik ging auf, der Chef lehnte ab, er zog sich um und begab sich leicht angetrunken ins Wasser. Das war zwar nicht so gut wie sein Bett, aber immerhin hatte er seine Ruhe. Abgesehen von der ätzenden Bumm-Bumm Musik und den blitzenden Lichtern, die er aus der Ferne für schön gehalten hatte. Aus der Nähe betrachtet beim Schwimmen, hatten sie ebenso viel Charme wie die wummernden Bässe und das Stakkato der Hihats. Zu allem Überfluss hörte man die Hihats unter Wasser nicht. Er war Brustschwimmer. Jedes mal, wenn er seinen Kopf unter Wasser tauchte, hörte er die schlechte Musik nur zur Hälfte. Stressig! Er beschloss möglichst lange zu tauchen, um sich der Tortur zu entziehen. Im Tauchgang genoss er das regelmäßige Licht der Unterwasserbeleuchtung des Beckens. Während die wechselnden Farbexplosionen von der Oberfläche des Wassers ausgeschlossen wurde, fechteten die klanglichen Überreste der 4000 Watt Anlage mit dem Geblubber der Wasserzufuhr. Er gleitete durch die Klang- und Farbenwelt. Hier war es fast auszuhalten. Ihm waren diese Dinge zu wider. Er verachtete die kriechende Firmenhierarchie. Er verachtete sich selbst als Teil dessen. Schade, dass er nur begrenzte Zeit auf Tauchstation gehen konnte. Kiemen wären schön. Auftauchen. Er stieg aus dem Becken und legte sein Freizeitoutfit an. Leger und casual begab er sich an die Bar und entschied, das Wasser durch Alkohol zu ersetzen. Eine dreiviertel Stunde später hatte sich der Küstennebel aus mehreren Gläsern in seinen Augen abgesetzt.

Sein Blick schweift hinüber zum DJ-Pult. Er stand allein hinter seinem Mischpult. Ich bin zu weit weg, um ihn zu erkennen. Vorsichtig lenkte ich Schritt für Schritt am Beckenrand entlang, um ihn sehen zu können. Ich fand mich an seinen Tisch gelehnt. Er schien der glücklichste Mensch auf Erden. Sein Grinsen hatte etwas unheimliches. Es ging von einem Ohr zum anderen und entblößte nach Hasenmanier seine vorderen, beiden Zahnreihen. Seine Backen werfen Wellen und aus den Tälern seiner Gruben, ist das Blut verbannt. Ich frage ihn, was ihn so strahlend macht. Er antwortet mir mit der Frage, wie legal ich sei. Ich bin legal-egal. Er hält mir einen Zellophanbeutel vor die Nase. Fünfzehn Euro. Ich krame in meinen Taschen und kann meinen Geldbeutel nicht finden. Nachdem ich meine Aktentasche aus der Menge ihrer Zwillinge heraus gefiltert hatte, kehre ich zurück zum DJ und nehme meine Happypill entgegen.

Die Blitze der Scheinwerfer treffen auf meine Augen. Es ist als ob ich eine Sonnenbrille auf der Nase trage, die die Energie abfängt. Ich weiß, dass der Bass weiter zuschlägt, wieder und wieder, und doch ist er für meine Ohren unerreichbar geworden. Ich sehe die Wellen in ihrer viereckigen Küste und höre das Rauschen der Brandung. Jemand zieht an meinem Arm. Ich stelle fest, dass ich irgendwie in Schräglage gekommen bin. Mein Körper hängt seitlich zum Becken und mein Torso richtet sich im 45 Grad Winkel in Richtung des Beckens. An meiner Seite steht der DJ und hindert mich daran, ins Wasser zu fallen. Langsam zieht er mich aus der Gefahrenzone. Ich sehe, dass seine Lippen sich bewegen, aber das Meer ist zu laut. Ich verstehe ihn nicht. Ich begebe mich an die Bar und finde mich in Babylon wieder. Einzelne Worte der Mitarbeiter finden ihren Weg an mein Ohr. Doch ich verstehe nicht. Das Rauschen klingt ab, die Ebbe setzt ein. Das einzige, das ich verstehe, ist das gefällige Lachen der Mitarbeiter. Hatte der Chef mal wieder einen Witz gemacht. Ich lache mit. Daran halte ich mich. Lachen, wenn die anderen Lachen. Dazu muss man nicht wissen, was gesagt wurde. Diese Strategie funktioniert an meinem Strand.

Aus dem Sekundenbuch einer Eintagsfliege

Montag, 20. November 2006

[Eintagsfliegen berechnen Zeit in Mekoba, ein Mekoba entspricht ungefähr drei Sekunden menschlicher Zeitrechnung (Anm. d. Übers.)]

Jetzt bin ich grad zwei Stunden alt, da bleiben mir noch 22. Das ist schon echt wenig. Kurz! Geradezu viel zu wenig. Wie soll man denn in der kurzen Zeit Irgendwas Sinnvolles bewältigen? Die schönen Zeiten sind doch eh schon vorbei. Ab jetzt heißt es Nahrung suchen, und sobald ich es mir leisten kann Eier legen, und dann… kommt nicht mehr viel. Wers echt gut hat, sind die Schmetterlinge. Vor einiger Zeit, ich erinnere mich nicht so genau, ich schätze mal, so vor zehn, elf Minuten, hab ich einen Schmetterling getroffen. Der hat mir das so erklärt: „Jeder Schmetterling kann mit einem einzigen Flügelschlag die Welt verändern.“ Und was für schöne Flügel der hatte, elegant, aber trotzdem kräftig. Rot und Gelb, das ineinander übergeht und vier regelmäßige Kringel in Schwarz und Weiß. Frech und vorlaut, wie ich damals war, begann ich ganz schnell mit meinen Flügeln zu schlagen, aber der Schmetterling schmetterte mit seiner wohlklingenden, warmen Stimme meinen Enthusiasmus zu Boden und sagte: „Um so etwas bewerkstelligen zu können, bedarf es erhöhten Voraussetzungen. Siehst du die feurigen Kringel an meinen Flügeln? Das sind meine Instrumente des Schicksals, ohne so etwas Tolles, kann man es gleich vergessen. Und schau dich doch mal an! Klein und hässlich ereiferst du deine grauen Flügelstummel und überschlägst dich, aber verändern, tust du nichts!“

Betreten schaute ich auf meine Flügel, von denen ich einige Augenblicke vorher noch angenommen hatte, dass sie die Welt verändern können. Aber wer bin ich schon? Ich bin doch nur die graue Miniaturversion des großen, schönen Schmetterlings. Aber ich muss jetzt mal los, schließlich ist morgen auch noch ein Mekoba.

Schachsinn

Sonntag, 12. November 2006

Im Park. Zwei Männer sitzen an einem Tisch und spielen Schiffe versenken. Im Hintergrund spielen Kinder auf einem Riesenschachfeld Schach.

 

Mann 1: H8.

Mann 2: Wasser. F5.

Mann 1: Wasser. Ich würde ja lieber Schach spielen. Wieso haben wir uns doch gleich überreden lassen? Ist ja auch egal. E8.

Mann 2: Wasser. Ach komm schon, lass doch den Jungs ihren Spaß! Was soll’s! G5.

Mann 1: Wasser. Ich find das macht hier nicht viel Sinn auf kleine Plastikboote zu ballern. H2.

Mann 2: Wasser. Dann nenn deinen Flugzeugträger doch einfach U.S.S. Sinn und schon macht’s mehr Sinn. Was könnte wohl dagegen stehn? Hier, mein U-boot U97 Tod. Böse grinsend D4!! Harr Harr

Mann 1: Wasser. H8

Mann 2: Ach komm, jetzt konzentrier dich wenigstens. Da hast du vorher schon hingeschossen.

Mann 1: Ok, H7.

Mann 2: Mein Gott, ein bisschen mehr Begeisterung wenn ich bitten darf! So belanglos wie du das Ganze hier betrachtest macht das doch keinen Spaß… Wasser! C5.

Mann 1: Treffer. Das ist mein Flugzeugträger.

Mann 2: Die Sinn ist getroffen, die Sinn ist getroffen! Wird die Tod nachsetzen können? Wir werden sehn, bleiben sie gespannt auf die Fortsetzung dieses Duells auf See, was seh ich da? Die Tod macht ihre Geschütze fertig und ja, es sieht so aus, als ob sie auf… ja genau, sie feuert auf C6!

Mann 1: Das ist doch Sinnlos! Treffer.

Mann 2: Nein, noch sind wir die Sinn nicht los! Und da geht es weiter frei nach dem Motto: Grüß mir die Fische! Ja, auch die noch Unbekannten. C7!

Mann 1: Hauptsache du hast Spaß! Treffer!

Mann 2: Bumm Bumm Bumerang. Und weiter. Mit… C4!

Mann 1: Treffer.

Mann 2: Wow. Jetzt wird es schwierig, hier zeichnet sich ein guter Admiral aus und der Schwache verliert die Nerven… wo versteckt sich der letzte Teil der Sinn? Hmm… C3.

Mann 1: Treffer versenkt.

Mann 2 springt auf und vollführt einen Freudentanz.

Mann 2: Versenkt, versenkt, die Sinn ist Geschichte.

Im Hintergrund

Kind 1: Schach Matt!

Kind 2: Es ist einfach zu entscheiden, was weiß ist und was schwarz. Doch in einer Welt, die sich zwischen Schwarz und Weiß abspielt, gehen die Grenzen manchmal ineinander über. Sie verlaufen ineinander und das klare „Schach Matt“ wird zur Illusion.

Als die Schweiz genug bekam

Montag, 30. Oktober 2006

Fröhlich glitten die Shuttles der Pariser Metro durch das unterirdische Tunnellabyrinth. Ausser dem Zischen der Luft, durch die sie schnitten, war kein Geräusch zu hören. Das stimmte eigentlich gar nicht. Eine Stimme bestimmte die Schallwellenwelt – Eine sanfte Frauenstimme: „Madeleine“. Dem neugierigen Beobachter hätten sich die eintönigen Botschaften der Frau erschließen können. Mit stoischer Gelassenheit und unendlicher Geduld wiederholte sie immer wieder die selben Worte – gleichzeitig und überall. Doch er war ja nicht da. „Châtelet“ Stumm hingen die Displays an der Wand, die ansonsten den Besucher mit Namen begrüßt hätten, und ihm die neuesten Entwicklungen der X-Technology angeboten hätte. Das Licht war aber an. Ein Newsdis hingegen verkündete, dass die Schweizer wohl an Allem Schuld seien. Doch hier muss ich kurz einhaken. Nachdem die Menschheit es endlich geschafft hatte, ihre Religionsstreitigkeiten hinter sich zu lassen und die darauf folgenden sozialen Konflikte zwischen den reichen und den armen Ländern der Erde beigelegt waren, standen die Schweizer vor einem Problem. Sie hatten sich nämlich mehr und mehr auf die Geschäfte mit dem Geld und dem Kapital spezialisiert, und da die Beilegung des Arm-Reich Konflikts beinhaltete, dass nun alle Länder gleichen Wohlstand hatten, wurden sie nicht mehr benötigt. Der Reichtum, der sich aus der Kooperation (die letztlich in der Erd-Allianz ihr Ziel fand, oder vielmehr gefunden hätte) ergab, dass Niemand seinen Besitz mehr schützen musste, da sowieso Jeder genug hatte. Die Einzigen, die nicht genug hatten, das waren die arbeitsfreudigen Schweizer. Einsam lagen die Nummernkonten brach und die Schweizer, die jegliche Produktion outgesourced hatten, ja sogar Teile der Kapitalverwaltung, saßen in ihren unzugänglichen Bergen und drehten Däumchen. Sie wollten die Internationale Vereinte Staatengemeinschaft (kurz: I.V.S.), die damals in Verhandlungen für die Verfassung der Erd-Allianz war, auf sich aufmerksam machen. Zu diesem Zeitpunkt etwa erreichte die dritte Welle von Kolonisateuren Alpha Centauri, aber das nur am Rande – 14 Jahre brauchten sie, um den nächsten Klasse M Planeten zu erreichen! Was ich damit sagen will, sowohl die Medien, als auch der zweite Ansprechpartner, waren einfach zu beschäftigt, um sich mit dem kleinen Bergstaat zu beschäftigen. Herr Peter Ziege, der für die Schweiz einen halben Sitz im Rat der I.V.S. einnahm und den treffenden Spitznamen Ziegenpeter trug, war ein notorischer Nörgler. Als er nun am Tag der Ankunft der Siedler auf Alpha Centauri im Rat seine Nörgeleien begann, begann eine Gegenreaktion, die man landläufig auch als Mobbing bezeichnet. Die Ratsmitglieder von Groß Italien, der Chinesischen Bundesrepublik und dem Freien Arabien ließen kein gutes Haar an seiner Rede und warfen ihm seine ewige Miesmacherei vor. Als dann auch noch der Repräsentant von Österreich (der zusätzlich einen ganzen Sitz hatte) damit begann seinen Dialekt nachzuahmen, hatte der Ziegenpeter genug, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und verschränkte beleidigt die Arme. An diesem Tag schwor er sich, dass er den Rat der I.V.S. von nun an mit Nichtachtung strafen würden. Als besonders effizient konnte man diese Strafmaßnahme eher nicht bezeichnen, da das in dem ganzen Trubel überhaupt nicht auffiel, und wenn doch einmal jemandes Augenmerk auf den stillen Ziegenpeter in seinem Sessel fiel, so war er eigentlich nur froh, dass dieser die Klappe hielt. Er sollte das letzte Mitglied der Schweiz im Rat der I.V.S. sein, was besonders tragisch ist, da die Mitglieder auf Lebenszeit gewählt werden. In jedem Fall hatte die Schweiz ein Problem. Ihr Kontakt zur Aussenwelt war quasi unterbrochen. Ihr Einfluss auf die Weltpolitik gebrochen. Also beauftragten sie ihre besten Experten (für den Bereich Kapitalmanagement, internationales Investment und Trade Surveillance) mit einer Expertise. Diese stiessen auf eine während den Religionsstreitigkeiten zu Beginn der Hyperalisation in der Periode der so genannten Globalisierung oft genutzte Methode. Dabei ging es darum, ein möglichst großes Blutbad zu veranstalten, um irgendwie Aufmerksamkeit zu erreichen. Tragischerweise hatte die Schweiz seit der Auflösung des Vatikanstaats aber ihre Truppen aufgelöst und nur noch Sicherheitspersonal aus Groß Britannien/Germania und dem Staat Amerika eingestellt. Selbstverständlich wurden diese sämtlich entlassen, da sie bei diesem Plan im Wege gewesen wären. Das tragische Detail allerdings ist, dass die Schweizer nicht wussten, was anzustellen sei. Das wenige Wissen, das sie hatten, waren die uralten Aufzeichnung eines Herstellers für Schnittwerkzeuge namens Victorinox. Und mit Taschenmessern, die noch nicht einmal mit einer Vibroklinge bestückt waren konnte man nun wirklich kein Blutbad anrichten. Man entschied sich also für eine Bombe. Und da man Wasserstoff im Zürcher See zur genüge zur Verfügung hatte baute man diese also. Beziehungsweise… Also gebaut wurde sie. Blöderweise ging sie hoch bevor man sie woanders hin bringen konnte. Das erste Opfer der Bombe wurde sein Konstrukteur, der es für ein nettes Detail hielt, die Bombe so zu bauen, dass das verbrannte Feld um den Krater herum die Form der früheren Schweizer Grenze annehmen würde. Von heute auf morgen wurde die Schweiz sozusagen ausradiert, und Niemand wusste wieso. Zurück zum Ziegenpeter. Dieser war selbstverständlich nicht in die Pläne eingeweiht, da er doch auch so die Interessen der Schweiz äußerst schlecht vertreten hatte, und man ihm nicht trauen konnte. In seinem Sitz in Brüssel im Rat der V.I.S. hatte er die Explosion überlebt und beschuldigte nun die Österreicher, Groß-Italien und die Bundesrepublik China, dass sie die Schweiz ausgelöscht hatten. Gleichzeitig wurde die atomare Explosion von den Sensoren eines redundanten Waffensystems aus der Zeit des Arm-Reich Konflikts registriert, die durch einen Programmfehler begann ihre Sprengköpfe nach Großitalien zu schicken. So begann dass, was man gut und gern als Armageddon bezeichnen könnte, und letztlich blieb niemand mehr übrig, der erzählen könnte was genau passiert ist. Die automatisierten Systeme auf der Erde, die mit Solarenergie betrieben wurden und mit einem doppelten Wartungssystem gekoppelt sind laufen mittlerweile seit 1000 Jahren sinnlos vor sich hin. „Pigalle“. Das einzige was sie gesehen haben sind die Sonden, die die Daten erhoben haben, aus denen sich diese Geschichte ergibt.

 

— Ende —

 

präsentiert von Tanker Inc.

Alpha Centauris erster Adresse,

wenn es um Öl geht.

Wo hamstert der Goldhamster eigentlich sein Gold?

Sonntag, 22. Oktober 2006

 

Es war einmal ein Hamster, der war sehr unglücklich. Alle Tiere, die er kannte, hatten ein schöneres Fell als er. Der Hase hatte ein Fell, so weiß wie Schnee, und das vom Fuchs schimmerte Rot im Licht der Sonne. Nur das Fell vom Hamster war Braun.

Als es Winter wurde, gingen dem Hasen recht bald die Vorräte aus, und da er wusste, dass der Hamster im Sommer fleißig gehamstert hatte ging er zum Hamster und sagte: „Du, Hamster, ich war den ganzen Sommer damit beschäftigt mein Fell zu putzen, so dass ich jetzt nichts mehr zu Essen habe. Kann ich diesen Winter bei dir bleiben?“ Hilfsbereit wie der Hamster nunmal war sagte er: „ Na gut, aber falls uns die Vorräte ausgehen kümmern wir uns zusammen um Nachschub.“ Und so blieb der Hase beim Hamster.

Ähnlich wie dem Hasen erging es dem Fuchs. Auch ihm gingen die Vorräte recht bald aus und da auch er wusste, dass der Hamster im Sommer fleißig gehamstert hatte, fand er sich ebenfalls bei dem Hamster ein und sagte: „Du, Hamster, Ich war den ganzen Sommer damit beschäftigt mein Fell zu Putzen, so dass ich jetzt nichts mehr zu Essen habe. Kann ich diesen Winter bei dir bleiben?“ Der Hamster überlegte kurz und sagte dann: „Nun, es ist zwar schon der Hase da, aber wenn wir uns alles gut einteilen, reicht das bestimmt auch für drei.“

Und so verbrachten der Hamster, der Hase und der Fuchs den Winter zusammen. Sie hatten zwar kein Festmahl, aber sie vertrieben sich gegenseitig die Zeit und spielten viel miteinander, so dass ihnen gar nicht auffiel, dass sie weniger als normalerweise assen.

Eines Tages, es regnete gerade, brach die erste Frühlingssonne durch die Wolkendecke. Und als der halbe Himmel blau war, strahlte ein Regenbogen von Ost nach West. „Schnell!“ Sprach der Fuchs, „ Am Ende des Regenbogens ist ein Kobold und der hat einen Topf mit Gold!“ und rannte los. Der Hase rief noch: „Schnell Hamster, bevor es zu spät ist!“ und rannte ebenfalls davon. Der Hamster versuchte noch ihnen hinterher zu rennen, aber seine Beine waren nicht so lang wie die vom Fuchs, und seine Sprünge konnten es nicht mit denen des Hasens aufnehmen, und bald waren Hase und Fuchs ausser Sicht. Traurig drehte der Hamster um und ging nach Hause.

Der Hase und der Fuchs allerdings waren schnell am Ende des Regenbogens angekommen, und tatsächlich stand da ein Topf mit Gold. Vor dem Topf stand allerdings ein kleiner Kobold, der sagte: „Halt! Wenn ihr den Topf wollt müsst ihr erst drei Rätsel lösen.“ Und der Hase sagte: „Komm Fuchs, du bist doch schlau, das machst du doch mit links!“ Und der Fuchs stimmte zu. Da sprach der Kobold:

 

 

Ganz voll ist mein Speicher,

Und trüb ist mein Fell,

Wer ich bin will ich wissen,

Und wünscht mein Fell wär‘ hell.

 

Der Fuchs überlegte kurz und sagte dann: „Ganz klarer Fall! Das ist der Hamster.“ Da ärgerte sich der Kobold und sagte: „Richtig, aber das nächste Rätsel findest du nicht raus.“ Und der Hase sagte: „Doch doch Fuchs, du bist so schlau, du schaffst auch die anderen beiden noch.“ Und der Fuchs stimmte zu. Da sprach der Kobold:

 

Ich brauch den Regen

Und ich brauch die Sonn,

Dann Strahl ich euch entgegen

Und bring bunte Wonn.

Der Fuchs überlegte kurz und sagte dann: „Das ist der Regenbogen!“ Da ärgerte sich der Kobold wieder und schimpfte fürchterlich: „Das hast du vielleicht grad noch geschafft, aber das letzte Rätsel, das findest du bestimmt nicht raus!“ Und der Hase sagte: „Doch doch, bestimmt du hast jetzt schon zwei rausbekommen, wieso sollte das beim Dritten anders sein?“ Und der Fuchs stimmte ihm zu. Da sprach der Kobold:

 

Aus Not geboren

Bin ich keine Person,

Man kann mich nicht kaufen,

Bin freiwilliger Lohn.

 

 

Mit mir geht’s leichter,

Ohne mich kaum,

Für viele, bin ich

Ein Wintertraum.

 

Der Fuchs überlegte kurz und sagte… nichts. Er grübelte und grübelte und fand keine Lösung. Da freute sich der Kobold und sprang vor Freude in die Luft, schlug Purzelbäume und lachte so laut er nur konnte. Der Hase ging zu dem Fuchs und legte ihm seine Pfote um die Schulter und sagte: „Ist ja nicht so schlimm! Eigentlich brauchen wir ja keinen Topf voller Gold, solang wir Freunde sind.“ Da schlug sich der Fuchs mit der flachen Tatze auf die Stirn und rief: „Natürlich, wie konnte ich das übersehen, das ist es! Freundschaft! Hey du, Kobold, es ist Freundschaft!“ Der Kobold hörte mitten in der Luft auf sich rumzudrehen und fiel zu Boden. Er schrie auf und jammerte bitterlich und rannte, ohne den Topf mit dem Gold mitzunehmen den Regenbogen hinauf, bis er nicht mehr zu sehen war. Der Hase und der Fuchs aber tanzten um den Topf herum. Als sie genug getanzt hatten überlegten sie sich was sie mit dem Gold machen sollten. Und da hatte der Hase eine gute Idee…

Gelangweilt und unglücklich saß der Hamster an dem Tisch, an dem er früher zusammen mit dem Hasen und dem Fuchs gespielt hatte und erinnerte sich an all den Spaß, den sie zusammen gehabt hatten. Da klopfte es an der Tür. „Herein!“ rief der Hamster. Und herein kamen: Der Hase und der Fuchs. Sie zogen einen Topf voll mit Gold hinter sich her. Der Hase rannte ganz schnell in die Küche und holte eine Raspel. Dann stellte er sich auf den Tisch und rieb Goldstück für Goldstück so, dass der Goldstaub sich im Fell des Goldhamsters verfing. Und da ist es bis heute geblieben.

 

Wenn man rot sieht

Sonntag, 15. Oktober 2006

Er hatte Sartre gelesen. Der Ekel. Er verstand wie es gemeint war. Er verstand die Vorgänge die beschrieben wurden, aber er hatte ein anderes Problem. Er war auf dem Weg zum Meeting mit dem Vorstand und schob die trüb-fremden Gedanken beiseite. Seine Gedanken mussten auf das kommende Gespräch gerichtet sein. Fehler durften ihm keine passieren, wenn die Übernahme der Firma gelingen sollte. Beinahe hätte er die ältere Dame umgerannt, die seinen Weg kreuzte. Er wich ihr gerade so aus. Ungerechterweise stieß er einen Fluch in ihre Richtung aus. Sekunden später schämte er sich dafür und er hätte sich entschuldigt, wäre er nicht schon um die nächste Ecke gewesen.

Das Gespräch war mittelmäßig verlaufen, aber er hatte seine Primärziele erreicht. Er saß zuhause und wollte eigentlich lesen, doch das Gespräch lastete immer noch auf seinem Kopf. Die Nachrichten hatten ihn auch nicht beruhigen können. Die brennenden Autos in Paris ließen die Anschläge in Bagdad näher erscheinen als sie waren. Seine normale Taktik, sich zu sagen, dass es ihm ja gut gehe, im Vergleich zu den armen Schweinen die ihm medial serviert wurden, konnte ihm an diesem Tag nicht helfen. Entnervt klappte er das Buch zu. Er fühlte sich an die Zeit erinnert als er Caesars De Bello Gallico lesen musste. Nichts war hängen geblieben. Um sich abzulenken, beschloss er, die Stadt unsicher zu machen. In der dritten Bar fand er endlich jemanden, der etwas hatte, um ihm seine Entschlossenheit wieder zu geben.

Als er den Club verliess, war er auf dem Gipfel der Selbstsicherheit angelangt. Er hatte keine andere Wahl als diesen bedroht zu sehen, als sein Weg von einigen Punks gekreuzt wurde, die scheinbar auf einer Demo gewesen waren. Mit Beleidigungen fing es an. Zu seinem Glück öffnete sich hinter ihm die Tür und mehrere seiner Freunde aus der Szene stellten sich neben ihn. Eine gute Gelegenheit ihnen seine Eloquenz zu demonstrieren. Zwischen den ganzen Ausdrücken und Beschimpfungen fand er Verknüpfungen, die nicht wirklich dazu dienten, für eine entspannte Atmosphäre zu sorgen.

Als er Sirenen hörte, liess er davon ab, das Gesicht zu Brei zu schlagen, dessen Kragen er in der anderen Faust hielt, und nahm die Beine in die Hand.

Ein paar Tage später, er machte gerade die Besorgungen, die man zum Überleben braucht, stand er an der Supermarktkasse. Ihm gegenüber, im Overall des Corporate Design der multinationalen Lebensmittelhandelskette steckte ein Gesicht, das er irgendwo schon einmal gesehen hatte. „Zahlen sie Bar oder mit Karte?“ Da hat er einen Lichtblick, und er erinnert sich daran, dass das die wimmernde Stimme gewesen war, die ihn eines Nachts wimmernd angefleht hatte, von ihm abzulassen. Voller Panik läßt er alles grad so stehen und liegen und rennt fluchtartig durch die zum Glück offenen Glastüren des Supermarktes. Ein kleines Kind steht in seinem Weg, doch er rennt einen großen Bogen um die neugierigen Kinderaugen und bleibt nicht stehen, bis er vor der Tür des Hauses angekommen ist, indem sich seine Wohnung befindet. Hastig kramt er den Schlüssel aus seiner Tasche und braucht mit seinen zittrigen Händen drei Versuche, bis er die Türe endlich aufhat. Genauso ergeht es ihm an seiner Wohnungstür, doch als diese endlich hinter ihm zu schlägt und er kurz vor dem Kreislaufzusammenbruch im Flur vor seinem Bücherregal zusammenbricht, bleibt die erwartete Erlösung aus. Vor den Tagebüchern Napoleons, der Biographie Williams des Eroberers und zahlreichen Reiseberichten des britischen Imperialzeitalters aus Indien, China, Afrika und sogar Amerika, bricht der Stratege des größten Spielzeugherstellers der Welt in Tränen aus und weint, wie ein kleines Kind. Und da packt es ihn. Aber anders. Er empfindet keinen Ekel. Aus der Spitze des antiken römischen Schwertes, dass zur Zierde über der Kommode hängt, kämpft sich langsam ein roter Tropfen. Er steht auf, um sich das genauer anzusehen; geht näher hin. Er sieht den Tropfen in Zeitlupe sich von der Spitze des Schwertes lösen und auf der Kommode aus Tropenholz einschlagen. Der nächste Tropfen lässt nicht lange auf sich warten. Hinter sich hört er das leise Geräusch eines tropfenden Wasserhahns. Zu Dekozwecken steht dort ein Mickey-Mouse Telephon, von deren Mickey-Mouse Knubbelnase sich ebenfalls ein roter Tropfen löst, doch Mickeys Miene bleibt unbewegt. Ihm ist kalt. Er geht in die Küche und will dort die Heizung aufdrehen, doch als er sieht, dass sich aus dem Scharnier des Drehknopfes ebenfalls rote Tropfen herauspressen lässt er den Gedanken fallen. Er will das alles hinter sich lassen und geht in sein Schlafzimmer, doch dort haben die Gegenstände auch bereits begonnen flüssiges Rot abzusondern. Wohin er auch flüchtet, der Horror ist schon da. Überall tropft und trieft es, sogar einzelne Poren der Tapete schwitzen rote Substanz aus. Sein Herz rast, und umso schneller es schlägt, desto schneller fallen die Tropfen. Aus den Tropfen werden bald Rinnsale, aus den Rinnsalen Ströme, die sich auf dem Fussboden in einem Teich vereinigen. Er watet in Richtung seines Bettes, er weiss, er kann das nicht mehr lange ertragen und will auf einer hohen Fläche landen, des Ertrinkens wegen – überall war rot; Die Wände eine rote Fläche, über die der Horror fließt, um sich dann immer wieder aufs neue in den See zu ergiessen. Die einzige Ausnahme bildet das Porträt, das an der Wand hängt. Der Rahmen ist die Grenze der Insel, auf der sein Blick sich ausruhen kann. Seine Augen finden die der jungen Frau. Er beruhigt sich ein wenig. Das Glänzen in ihren Augen war ihm bisher noch nie aufgefallen. Sie war sehr hübsch. Der Glanz in ihren Augen nahm immer mehr zu, und je mehr er zunahm, je klarer wurde ihm, das auch sie sich rot färben würden. Da läuft das erste dünne Rinnsal von ihren Augen hinunter. In diesem Moment stellt er fest, dass die klebrige Masse ihm mittlerweile bis zu den Knien steht. Seine Kleidung beginnt ebenfalls, sich gegen ihn zu stellen, er reisst sie sich vom Leib. Er will um Hilfe rufen, doch gleichzeitig weiss er, dass er tausende Kilometer reisen müsste, um jemanden zu finden, von dem er bereit wäre Hilfe anzunehmen. Der Pegel steigt weiter und die wabernde Oberfläche klettert immer höher, mit jedem Moment, der vergeht, steigt sie schneller, er kann seine Beine schon nicht mehr bewegen. Jetzt muss er die Arme heben, damit die Hände nicht mit dem roten Zeug in Berührung kommen. Irgendwo hupt ein Auto, als ihm die Rote Melasse bis zum Kinn steht – Panik; er verliert das Bewusstsein und fällt.

Als er aufwachte, rieb er sich seinen schmerzenden Kopf. Alles war wieder so, wie es sein sollte. Darüber hinaus hatte er Glück gehabt. Wäre er nur wenige Zentimeter weiter rechts gefallen, wäre sein Kopf an der Kante der ägyptischen Marmorplatte seines Nachttisches aufgeschlagen, auf dem noch immer der Ekel lag.

 

 

 

Die Hure und die Bar

Donnerstag, 12. Oktober 2006

Draußen war Frühling und es regnete. Drinnen stand sie, mit der Stirn gegen den abgenutzten Pfeiler der Bar, mehr schwankend als stehend, gelehnt und nuschelte: „Ich hass den Puff, ich hass den…!“ Sie hatten beide viel mitgemacht. Sie und die Bar. Die Brandflecken auf der klebrigen Oberfläche der Theke waren im dumpfen Licht des etwas veralteten Etablissements schwer auszumachen. Aber es war möglich. Als die Wirtin ihr einen ausgab, hätte man bemerken können, dass ein Tropfen auf ihr perlte. Die Tür öffnete sich. Drei Typen kamen grölend, lachend und lallend herein. „Habt ihr auch Maßkrüge?“ brüllte einer von ihnen in Richtung Bar. Alle drei stellten sich an dieselbige. Die Wirtin verneinte und schenkte ihnen im Anschluss drei Halbliterkrüge aus. Wuchtig stießen sie an, während das Wimmern am Pfeiler der Bar verstärkt wurde. Das Bier schwappte dabei aus den Krügen in die anderen, auf die Bar und auf den Boden. Ihre klatschnassen Jacken hatten sie nicht ausgezogen. Sie ließen die Krüge auf die Theke niederfahren als wären es Thors Donnerkeile. Das verschüttete Bier spritzte zu allen Seiten weg. Die Wirtin hatte sich mittlerweile zu ihr gesellt und sie in den Arm genommen. Doch auch das Trösten konnte an der Lautstärke nichts ändern. Als sie das Präsent der Wirtin zu sich nehmen wollte, machte ihr das Schlucken Schwierigkeiten. Voller Macht orderte einer der drei noch eine Runde. Wieder spritzte das Bier in alle Richtungen. Die Theke war ein See. Einer hatte einen Witz gemacht. Er war nicht witzig. Ein Anderer schlug mit der geballten Faust auf die Theke ein; seine Art zu lachen. Am anderen Ende der Bar verlor sie zwischendurch die Kontrolle über ihre Beine und setzte sich mehr oder weniger freiwillig auf den Boden. Die Drei eroberten sich den Rest der Bar und besetzten ihn mit ihrer Bierlache. Eine halbe Stunde später, saß sie ebenfalls in ihr.